Diagnose, Lesezeit, Rezension

erfahrbare Gefühlswelten in drei Büchern – zwischen Diagnostik, Familien, Inklusion und Tabuthemen 

7. Februar 2018

Ein Plausch mit der Nachbarin. Unterhaltungen mit Kollegen. Ein Gespräch im Wartezimmer. Hier eine Begegnung. Da ein „Was gibt es Neues?“.

Gesprächsanlässe bieten sich. Nur, was erzählen wir… Worüber reden wir? Das Wetter? Oma’s Krankenhausaufenthalt? Die neue Tasche? Urlaubsreisen oder Hausbau? Die Kinder?

Haben wir eine Beziehung zu unserem Gesprächspartner erreichen unsere Konversationen idealerweise sogar Tiefgang und sind geprägt von Vertrauen.

Und worüber reden wir dann?

Schlechten Sex? Beziehungsprobleme? Jobanliegen? Nackenfaltentransparenz? Fehlgeburten? Ängste?

Tabuthemen aus dem stillen Kämmerlein zu holen, sie damit gesellschaftsfähiger zu machen und ins (Bevölkerungs-)Bewusstsein zu bringen, das schaffen die folgenden drei Bücher. 

alles inklusive Cover

Ohne Prognose – inklusive Liebe 

Wie wird das Leben, wenn das eigene Kind behindert ist? Es bedeutet und es bedeutet nicht, dass Eltern zu Pflegepersonal werden, es heißt und es heißt nicht, dass sie aufhören Mann und/oder Frau zu sein.

Leben ist, was du daraus machst. Das zeigt uns dieses Buch.

Mit Liebe zum Leben, mit Liebe für sich selbst und mit Liebe für ihre Familie koordinierte die Autorin und Bloggerin Mareice Kaiser ihre Tage. Sie nimmt uns im Buch mit ins Krankenhaus, auf Diagnose- und Prognose- sowie auf Kitaplatzsuche, zu Gesprächen und in die Zukunft.

Für mich ist Mareice Kaiser immer mehr. Mehr als Mutter. Mehr als Feministin. Mehr als Expertin für die Pflege ihrer Töchter. Mehr als Berufstätige. Mehr als Musikliebhaberin.

Das macht Mut.

Bei einer Lesung mal… 

dich hatte ich mir anders vorgestellt Cover

Vaterliebe kann wachsen. 

Müssen Eltern ihre Kinder automatisch lieben? Müssen sie sie annehmen wie sie sind? Dürfen sie hadern, trauern und sich das eigene Kind „anders“ wünschen, weil es – oder in diesem Fall sie – mit Trisomie 21 geboren wurde?

Der französische Autor und Zeichner Fabien Toulmé zeichnet seinen Weg, wie die Liebe zu seiner zweiten Tochter gewachsen ist…

Ich habe das Buch in einem Comicladen gekauft, was ich großartig fand. Es war so herrlich Mitten im Leben. Es stand nicht in einer Sonderabteilung, lag nicht in der hintersten Ecke oder sperat. Es war einfach so dazwischen. Ebenso sollte es dem Themenkomplex generell gehen.

Die ganze Aufmachung – Graphic Novel – und natürlich die männliche Sicht bieten ein anderes Herangehen, erweitern, machen zugänglicher.

Das ganze Kind hat so viele Fehler Cover

Rezensionsexemplar

Löwenmutter. 

Sandra Schulz hat im Sog der pränatalen Diagnostik gekämpft für Wissen, gerungen um eine Entscheidung, ihr ungeborenes Mädchen geschützt und ein Band aus Liebe geknüpft.

Auch die Herausforderung nach der Geburt, wenn die medizinische Versorgung Vorrang vor dem Bindungsaufbau und der Elternschaft hat, meisterte sie, stand Ängste aus und lebt nun ihre Familiennormalität mit ihrem Wunschkind.

Tagebucheinträge auf 240 Seiten, die Höhen und Tiefen dokumentieren, ein behindertes Kind mit Trisomie 21, dem schönen Namen Marja und die Erkenntnis, dass die „Fehler“ des Kindes sein fehlen nicht zwangsläufig rechtfertigen, so würde ich dieses Buch beschreiben.

Am 14.2 findet eine Lesung in Berlin statt. Mehr dazu hier. 
Ein Gedanke hat mich sehr berührt:

Über Unglück kann man schreiben. Glück muss man leben.

S. 182

Ich finde, es sollte über beides geschrieben werden. Ich will über das Unglück genauso über das Glück informiert sein. Und schließt das Eine wirklich das Andere aus?

Was denkst du?

Anne

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2 Comments

  • Reply Kleinstadtlöwenmama 8. Februar 2018 at 10:14

    Ich habe alle 3 Bücher gelesen und kann sie alle uneingeschränkt empfehlen. Und ja, ich will auch über beide informiert werden. Und ich finde auch, dass beides mich berührt, wenn ich davon lese. ABER: Ich habe auch weniger das Bedürfnis, über das Glück zu schreiben – es sei denn, ich schreibe auch den – vielleicht steinigen – Weg dorthin.

    • Reply Anne 9. Februar 2018 at 7:15

      Ich verstehe, was du meinst.

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