Lesezeit, Veranstaltung

>Das ganze Kind hat so viele Fehler< Lesung von Sandra Schulz

19. Februar 2018

14. Februar 2018. Berlin. Valentinstag. Ein Mann machte mir zwischen Sonnenalle und Neukölln einen Heiratsantrag. Zwei Stationen vorher sei ihm meine Schönheit aufgefallen. Ich lächelte. Stieg aus.

Valentinstag. Wie passend dieser Tag ist für die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe, für diese Veranstaltung, dachte ich.

Ich lief schnell. Mein Ziel war an diesem Mittwochabend die Hobelbar. Kalt war es. Drinnen empfing mich Wärme durchzogen von Stimmengewirr und getunkt in ein rötliches Licht.

Auf einem Tisch flackerte eine Kerze. Ein Mikrofon ragte daneben über das Buch von Sandra Schulz. Zwei Stühle standen bereit.

Ich bestellte, setzte mich in die erste Reihe auf ein Sofa neben eine Frau, mit der ich in ein angenehmes Gespräch kam.

Einleitenden Worten von den Vertreterinnen des Vereins Eltern beraten Eltern und dem Kinder Pflege Netzwerk, die den Salon für inklusiven Dialog ins Leben gerufen haben, folgte eine Begrüßung durch Mareice Kaiser.

Wir erfuhren, dass dies die erste Lesung von Sandra Schulz war. Wir erfuhren etwas über ihren Werdegang. Wir erfuhren, dass Marja, die Empfängerin der Liebe in dieser Geschichte, bald 3 Jahre wird.

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Und es begann mit dem ersten Kapitel.

Es wurde stiller, ruhiger, in der Hobelbar. Wir lauschten. Die Kerze auf dem Tisch flackerte sacht. Fragen wie >Liebt jede Mutter ihr Kind?<, Begriffe wie Lebensfähigkeitsgrenze und Worte wie Schneckchen ließen uns an den Erfahrungen und Gedanken dieser Frau in der Schwangerschaft teilhaben. Ich hörte zwischendurch Lacher. Ich sah Tränen aufblitzen. Ich musste hier und da schlucken. Es berührte. Sandra Schulz selbst auch. Ich bewunderte sie.

Es gab Applaus und Mareice Kaiser wechselte die Position – ihre eigene sowie die des Mikrophons. Im nun anschließenden Dialog sagte die Autorin, dass sie durch das Schreiben bei sich selbst blieb. Sie fasste Unverständliches in Zeilen. Fand einen Ausdruck.

Wäre ihre Geschichte anders verlaufen, ohne Happy End, würde es dieses Buch nicht geben. Es schafft Bewusstsein. Es macht Hoffnung. Es sagt aus: Du kannst das schaffen. 

Sandra Schulz sagte, dass viele Prognosen, die ihre Schwangerschaft versauten, gar nicht eingetreten sind. Ihr Kind wurde zu einem mangelhaften Objekt. Ihre Tochter ist mehr als ihre Diagnosen. Marja ist ein Wunschkind.

Im Gespräch, auch durch die Wortmeldungen von Anwesenden, wird deutlich, dass die Entscheidung für oder gegen einen Abbruch, die Organisation des Alltages, Anträge und Teilhabe kräftezehrend, belastend und so wenig förderlich sind und nicht das Kind selbst.

Die Kerze auf dem Tisch flackerte. Ich schrieb Notizen.

Es ging um Bilder im Kopf. Um die Notwendigkeit von erlebaren „anderen“ Lebensentwürfen. Um Paare. Um inklusive Bilder. Um Weiterentwicklung. Um die Distanz zu früherem Denken. Um das Aushalten von Ambivalenz. Um Diskriminierung. Um Schwangerschaftsabbrüche. Um Beratung. Um den feministischen Diskurs. Um Erfahrungen.

Es gibt nicht den EINEN richtigen Weg, nicht DIE eine richtige Entscheidung. Generalisieren ist nicht möglich.

Doch was brauchen wir? Bücher, wie dieses? Mehr Offenheit? Mehr Öffentlichkeit? Mehr Perspektiven? Mehr Zeit für Entscheidungen. Für die Entscheidung.

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Blumen wurden überreicht. Dank wurde ausgesprochen. Gespräche entflammten. Bestellungen wurden aufgegeben. Bücher konnten gekauft werden. Sandra Schulz signierte.

Ich lauschte. Beobachtete eine Mutter im Gespräch, deren Sohn im Rollstuhl einen Hund mit Lekerlies fütterte. Sie sprach intensiv. Kämpferisch.

Ich sprach kurz mit der Autorin. Mir gefiel ihr Buch erst nicht. Weil es vor Augen führt. Weil es bei mir die Wunde der versauten ersten Schwangerschaft berührt hat. Aber Auseinandersetzung ist gut. Nicht nur für mich.

Ein wichtiges Buch. Ein Anlass zum Dialog. Ein Beitrag zur Debatte. Erlebare Erfahrung. Danke.

Gläser klirrten. Ich steckte meine Notizen ein. Ein Drink hieß Queen Mom. Ich fand auch das sehr passend.

Der Weg zur S-Bahn bot die Möglichkeit zu einem Gespräch. Es war angenehm.

Wir liefen vorbei an einem Tannenbäumchen, das geschmückt war mit Teilen von Barbie und Ken und ihren Duplikaten. Schnell ein Foto machen, überlegte ich. Doch das Gespräch und meine Füße führten mich weiter.

Die Symbolik bleibt. Die Aufforderung zu Kopfarbeit auch. Wie bei diesem Buch.

Anne

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