Erzieherin & Kindergarten

Neue KitaKrise? Von wegen… Langzeit Bildungskrise

1. Mai 2019

Seit 2010 stieg die Geburtenrate in der Hauptstadt. In den letzen Jahren kamen um die 40.000 neue Erdenbürger zur Welt. Seit dem 1.1.2018 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz vom ersten Geburtstag an auf bis zu sieben Stunden täglich, ohne Bedarfsprüfung. So ein Rechtsanspruch, Beitragsfreiheit und die Kinder selbst fallen ja nicht vom Himmel. Es gab eine Vorlaufzeit, Tendenzen und abzusehenden Bedarf. Der Ausbau und die Personalgewinnung hätten viel früher beginnen müssen. Ein Prozess voller Versäumnisse.

Fast ein Jahr ist die „Demo Kita Krise Berlin“ her. Gipfel der Not. 3.500 Eltern und Erzieher_innen waren auf der Straße. Für mehr Kitaplätze und eine bessere Qualität in der frühen Bildung, die nur mit Fachkräften gewährleistet sein wird.

Ende Juni 2018 verkündete Frau Scheeres, ihres Zeichens Bildungssenatorin, dann die Lücke würde geschlossen werden. Kurzzeitige Überbelegung. Prämien an Träger für die Schaffung neuer Plätze. Neubauten. Im August mit dem Beginn des neuen Kitajahres sei das Problem sowieso weitestgehends behoben. Kinder, die in die Schule kämen, würden Platz machen. Neue Fachkräfte, die ihre Ausbildung beendet hätten und angehende Auszubildene, würden in die Kitas stürmen. Quereinsteiger_innen die multiprofessionellen Teams berreichern. Doch gelöst wurde die Kita Krise dadurch nicht.

Milchmädchenrechnerei. Nicht für jedes Kind, was in die Schule kam, wurde ein Neues aufgenommen. Stichwort Betreuungsschlüssel. Die ausgebildeten Fachkräfte sind mit Nichten alle in Kindergärten gegangen. Auszubildene drücken an zwei Tagen die Woche die Schulbank und sind sowieso Lernende. Und irgendwie wird immer vergessen, dass bei diesem Beruf, den hauptsächlich Frauen ausüben, es vorkommt, dass Erzieherinnen schwanger werden oder wegen ihrer eigenen Kinder nicht vor Ort sind.

Die Situation hatte sich im Herbst entspannt. Aber behoben wurde der Mangel nicht. Eine Langzeitkrise, die hätte verhindert werden können. Anfang diesen Jahres dann wurde erfolgreich für eine bessere Bezahlung gekämpf. Reicht das? Macht das den Beruf attraktiver? Bringt das die bitternötige Anerkennung und das Personal?

Das Eltern erneut verzweifelt eine familienfreundliche Betreuung suchen, bereit sind Geld für eine Kitaplatzvermittlung zuzahlen, zeigt keine neue Kita Krise. Zeigt nur, dass nicht genug getan wurde seitens der Politik. Die Situation hat sich erneut zugespitzt. Befeuert beispielsweise durch den Mietwahnsinn. Ein frauenpolitisches Problem. Da hilft auch kein wohlklingendes gutes Kitagesetz. Sich auf die Fahnen zuschreiben, dass sich die Lage nicht verschlechtert hat, weil in diesem Jahr genauso viele Suchen wie im letzen Jahr, ist kein Erfolg.

Qualität wird gefordert.

Sicher für Eltern spielen bei der Qualität von Kindertagesbetreuung die Wohnortnähe oder die Öffnungszeiten eine tragende Rolle. Dabei geht es jedoch mehr um Lebensqualität, weil sie nicht stundenlang durch die Stadt hetzen müssen.

Im Moment sieht es doch so aus, dass die Kita Krise die Qualität sowie die Bildungsfunktion von Kindergärten untergräbt. Eine Funktion, die nicht mal in vollem Umfang anerkannt wird, weil ein anderer Bildungsbegriff gelebt wird als in der Schule. Obwohl es wissenschaftlich bewiesen ist, dass die ersten Lebensjahre prägend sind, Grundsteine gelegt werden.

Für eine ganzheitliche, an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder ausgerichteten Bildung braucht es kompetente Fachkräfte, die wertschätzende, aufmerksame und fürsorgliche Lernbegleitende sind. Die für das Wohlfühlen, Sicherheit und Anregungen sorgen.

Aber um wieviele Kinder kümmert sich eine Fachkraft? Zu viele. Was wird erschwert? Die körperliche, kognitive, kommunikative, soziale und emotionale Entwicklung. Es wird erschwert, dass Kinder ihre Potenziale entdecken und ausleben und dabei gesehen werden, dass ihre Bildungsbiografie dokumentiert wird, einen Erfahrungs- und Schutzraum erleben, ohne, dass sich 15 andere Elementarkinder, um sie drängen.

Spuren meiner Arbeit sehen so aus. Da haben Kinder ihre Fingerfertigkeit geschult, um die Ecke gedacht, Genuss erlebt ohne Erwartungen, Strukturen erschaffen, Farben gemischt, haben Selbstwirksamkeit erlebt, Ideen gehabt, experimentiert und Erkenntnisse gewonnen.

Das was Erwachsene sich für ein erfülltes Leben mühsam mit Kursen&Co. wieder erarbeiten, nämlich Bewusstsein für das, was sie tun und sich selbst und ihre Wirksamkeit, auch Nachhaltigkeit und kreative Lösungswege können Kinder in Kindergärten spielerisch erleben und in ihrem Erfahrungsschatz speichern.

Wir sollten die gesellschaftliche Definition von Bildung überdenken. Angemessen finanzierte Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung vor „ein Kind mehr pro Kita“ setzen. Die Funktion von Kindergärten, Tagesmüttern bzw. -vätern darf nicht nur Beaufsichtigung sein.

Die Kita Krise ist Teil einer Wertekrise. Welchen Wert haben Kinder und Familien für die Politik bzw. die Gesellschaft?, fragt man sich zum Beispiel auch angesichts der anstehenden Familiendemo gegen Kinderarmut.

Samstag, 11. Mai 2019, werden wie erstmalig im letzten Jahr, die Forderungen nach der Bekämpfung von Kinderarmut mittels einer Kindergrundsicherung, nach gerechter Besteuerung von Alleinerziehenden und anderen Familien sowie nach der Anerkennung und finanziellen Ausgleich für Carearbeit laut und es wird in Berlin demonstriert.

Es reicht für uns alle!

Oder? Wie siehst du das?

Anne

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