Kleinwuchs, Leben mit dem Ullrich-Turner-Syndrom

die ewig selben Fragen – auf dem Spielplatz

2. Juni 2019

Der Spielplatz hinter unserem Haus wird zwar seit 4 Jahren bebaut, aus Kostengründen eine Azubibaustelle, die nicht fertig wird, aber in einem vertretbaren Radius befinden sich wirklich schöne Ausgaben. Mit Drachen oder Piratenschiff.

Spielplätze sind toll. Orte für Kinder. Oasen zwischen Häusern. An manchen Tagen sollten sie jedoch gemieden werden. Völlig überlaufen. Mit der Gefahr in Gespräche verwickelt zu werden.

Erst am Donnerstag, dann am Wochenende, die ewig selben Fragen, die mich berühren, obwohl sie es wohl nicht sollten… Und warum eigentlich vornehmlich auf dem Spielplatz?

Meine Kinder sind grundsätzlich in dem Alter, dass sie sich selbstständig und ohne Begleitung bewegen und mich quasi auf einer Bank oder am Rand absetzen. Sie zeigen ab und zu etwas, wollen hin und wieder gesehen werden oder etwas trinken. Im Grund kann ich meine Füße aber im Sand vergraben, lesen, die Nase in die Sonne halten oder das Smartphone zücken. Oder eben plauschen. Mache ich auch. Manchmal.

Das Tochterkind ist gesprächig und offen für das Spielen mit fremden Kindern. Das führt nur allzu oft dazu, dass ich mit den dazugehörigen Eltern in Kontakt komme. Mein Bedarf dahingehend ist aber minimal.

Die wiederkehrenden und ewig selben Bemerkungen und Fragen kann ich nämlich nicht mehr hören. Rückversicherungen. Zur Einordnung. Sicher. Ohne böswillige Absicht. An guten Tagen stören sie mich so gar nicht. An anderen nerven sie. An wieder anderen machen sie mich traurig.

Ja, dass Tochterkind ist wirklich so alt, wie sie sagt. Ja, sie geht in die erste Klasse.

Sicher fabulieren Kinder auch mal. Spinnen Geschichten. Äußern Wunschdenken. Mir ist bewusst, dass die Altersangabe nebst Schulinfo nicht mit der Erscheinung zusammenpassen. Dennoch könnten einfache Nachfragen beim Tochterkind die Ungläubigkeit schnell bei Seite wischen. Sie ist auskunftsfreudig. Wäre also kein Problem.

Besonders die Leute, nicht nur auf dem Spielplatz, die sich dann, vorbeugen, näher heranrücken, und feststellen, dass sie aber klein sei, machen mich müde.

Wenn der Sohnemann dazustößt, drücke ich unweigerlich den Rücken durch. Was dann kommt, kann ich ohne Glaskugel vorraussagen.

Ich lächle und bestätige.

Ja, er ist ihr Bruder. Ja, er ist wirklich so alt, wie sie sagt. Ja, er ist größer als sie. Ja, er ist aber groß. Und sie klein.

Klar auch anderorts fallen Kommentare und kommen Fragen auf. Spielplätze jedoch scheinen eine besondere Wirkung zu haben. Immer wieder begegnent uns Ungläubigkeit. Diese gipfelt dann, wenn das Tochterkind kommt und meint: „Die Frau sagt, ich lüge.“.

Sie könne ihr Geburtsdatum nennen und die Leute können nachrechnen, sagte ich mal. „Lass sie reden.“, wäre eine Option. Einzelfälle. Ausnahmen. Mit Nichten. Es häuft sich.

Wo ich grade dabei bin, eine Frage, die alles in den Schatten stellt, egal wo sie gestellt wird, und trotz besseren Wissens feine Stiche in mein Mutterherz bedeutet, lautet:

Sind das Zwillinge?

Das Tochterkind klärt die Menschen bereitwillig auf, dass sie Geschwister sind. Mittlerweile unterbreche ich sie in ihrer „Aufklärungsarbeit“. Zu viel. Rechtfertigung ist nicht nötig. Ich wünsche mir ihre Gelassenheit. Sie scheinen die Ungläubigen nicht nachhaltig zu tangieren. Ich sollte meine Einstellung dazu ändern, solange es mich stört, ist es ein Problem, aber mit der Größe wird Können abgesprochen oder zugeschrieben, das mulmige Gefühl bleibt.

Die Ungläubigkeit in der Summe führt zu Erklärungen. Schon ganz automatisch. Manchmal sogar schon ungefragt vorneweg. Ist eh immer das selbe.

Am Ende ist der Spielplatz ein Mikrokosmos, der mir gesellschaftliches Denken und Kategorisieren zeigt. Vielleicht bereitet mir die Zukunftsaussicht Sorge. Wenn der Kosmos nicht mehr Mikro ist. Und die Kinder die ewig selben Fragen gestellt bekommen.

Was denkt ihr?

Stimmt, wenn es meine Tochter nicht gäbe, würde ich wahrscheinlich auch so reagieren. Aber macht es das besser? Oder ist es ein Grund mehr darüber nachzudenken.

Anne

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2 Comments

  • Reply Sarah Kroschel 3. Juni 2019 at 10:25

    Mir geht es ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen. Ich bin schwer kommunikativ. Besonders auf Spielplätzen. Fragen über Fragen, manchmal merkt, man, wie manche Eltern schon durch die Gegend geistern und auf die Gelegenheit lauern irgendjemanden anzusprechen, um über das eigene Kind zu sprechen. Ich sitze lieber, schaue zu oder genieße die Ruhe oder eben die Interaktion mit meinen KIndern. Klar ist es mal nett sich mit anderen auszutauschen, in der Regel möchte ich das aber auch eher weniger. Jeder so, wie er es gerne hat, nicht wahr? Aber am Ende sind es eben doch Vergleiche, die da aufgestellt werden. Wie alt ist ihrer, Junge oder Mädchen (ja, ich werde beim Kleinen oft immer noch gefragt ob er ein Mädchen ist), wie lange kann er schon laufen, kann er das oder das schon. Einfach machen lassen, denke ich mir immer.

  • Reply Nadine 7. Juni 2019 at 17:39

    I feel you! Stiche im Herzen. Aber genau dein letzter Satz ist es, der mich milder sein läßt. Denn wir ordnen alle immer wieder ein. Bewusst ist es uns, weil es uns betrifft. Inzwischen kläre ich bei freundlichen Fragen auf, bei Übergriffigkeit sage ich deutlich ,wie unangebracht es ist fremde Kinder zu bewerten. Völlig gleich worum es sich handelt. Meine Tochter ist nicht immer so gelassen wie deine. Sie kommt auch mal aus der Schule und erzählt zerknirscht, dass ein anderes Kind ihr gesagt hat, sie gehöre doch in den Kindergarten. Mehr traurig als empört. Aber es ist nie nachhaltig bei ihr. Sie ist grundsätzlich so lebensfroh und selbstbewusst, dass sie einem deutlich älteren Jungen, der ihr ihre Ehrenurkunde der BJS schlecht redetet, klar sagte dass sie zwar kleiner aber eben deutlich schneller ist als er. Und auch wenn ich Leistungsdruck unschön finde, freut mich so ein Erfolg und ihr stolz darauf ganz tief. Denn sie erkämpft sich das und ihr Umgang mit der Welt ganz allgemein macht mich zuversichtlich für später. Nebenbei bemerkt ist sie laut dieser Kurven der Ärzte gar nicht mehr Kleinwüchsig, sondern knapp im Normbereich, und trotzdem deutlich kleiner als die meisten.
    Mein Rat an dich und mich selbst ist also: lächle und schau dir einfach dieses tolle Mädchen an. Sie ist großartig!
    Einen lieben Gruß, Nadine

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