Familienleben, Leben mit dem Ullrich-Turner-Syndrom

aus dem Schatten seiner Schwester

12. Januar 2020

Wir sind eine gemeinsame Familie. Es wird geteilt.„, erklärte der Sohnemann seiner Schwester. Sie spielten Piraten und er hangelte an ihrem Hochbett aka Piratenschiff. Sie saß im Schiff und wollte den Schatz für sich behalten.

Mal abgesehen von seiner körperlichen Entwicklung, immerhin hangelte er sich geschickt und baumelte kurz einarmig, fiel mir auf, dass er argumentierte. Ließ nicht zu, dass sie den Ton angab und damit den Spielverlauf bestimmte.

Eine Herausforderung. Wie ich aus vielen kleinen alltäglichen Momenten weiß. Das Tochterkind ist gradlinig, wenn sie einen Idee verfolgt. Lässt sich kaum (oder nur mit Zeit und Hartnäckigkeit) von ihrem Weg abbringen. (Gesellschaftliche Konvention machts nötig oder meine eigenen Grenzen.)

Schon oft hat sie seinen Weg beeinflusst, vorgezeichnet oder geebnet. Mit 10 Monaten begann er, hinter seiner Schwester herzulaufen. Jetzt läuft er vor ihr weg. Es war klar, dass (auch aus praktischen Gründen) die Kinder eine Einrichtung besuchen. Eine Kita. Wahrscheinlich die selbe Schule. Er zieht auch gerne mal nach. Schickt sie vor. Um Eis für sie beide zu organisieren zum Beispiel, was sie sich dann schmecken lassen. Und wenn sie Auftritte hat, kommt er natürlich mit. Früher genervt. Heute jubelnd und winkend.

Arzttermine, Gedanken über weitreichende Entscheidungen, ihr einnehmendes Wesen, Unterstützungsmaßnahmen für das Tochterkind nehmen Raum&Zeit ein. Das bedingt hier und da ein Ungleichgewicht im Balanceakt jedem Kind individuell gerecht zu werden. Genauso wie die Bemühung dies zu kompensieren.

Ich bin Mutter von zwei Kindern, die sich in manchen Dingen einig und ähnlich und doch so verschieden sind.

Der Unterschied war vom ersten Moment an deutlich spührbar. Bei Schwangerschaft&Geburt, Stillzeit&Entwicklung. Zeichnete sich ab bei der körperlichen Reifung.

Jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit. Seine Bedürfnisse. Und doch wollen sie gleich gesehen, gleich viel Aufmerksamkeit und (mehr oder weniger) gleich behandelt werden. Will schließlich jeder seinen Anteil vom Schatz. Nicht wahr? Ein expressives Gleichnis.

Dem Tochterkind ermöglichen wir, dass sie ihren Leidenschaften Musik&Schauspiel nachgehen kann. Bewusst. Stärken stärken ist die Prämisse. Beim Sohnemann hat sich nun das Fußballspiel als Begabung herauskristallisiert. Der er nun nachgehen wird.

Kompromisse sind Teil des Familienalltags. Täglich Brot. Doch Krümelie wusste sehr wohl auf welche Art sie die Meinung ihres Bruders lenken konnte. Und wenn er sprachlich nicht weiter kam, setzte er auf „Nerven“, wie sie sagte. Mittlerweile begegnen sie sich immer mehr auf Augenhöhe.

Was dem Tochterkind sauer aufstößt, ist, dass ihrem Bruder manches merklich leichter fällt. Wie der Umgang mit Zahlen. Er bekommt Anerkennung für sein mathematisches Verständnis, dass er wahrscheinlich nicht hätte ohne ihr Vorbild. Er profitiert als jüngeres Kind von seiner Position als Zweitgeborener. Sie fühlt sich vorgeführt, benachteiligt, wie sie selbst sagt. Und er hat nicht den Raum gehabt „sein eignes Ding“ zu entdecken, ist so manches Mal „das Kontrastprogramm“.

Kein Kind soll im Schatten des Anderen versauern. Weder bedingt durch seine Geschwisterposition, das Gesundheitsmanagement, Terminwust, das nervenraubende Schulsystem oder Wesenszüge…

Gemeinsam oder nebeneinander erobern sie die abenteuerlichen Schätze der Welt. Spielend. Als und mit Persönlichkeit wahrgenommen. Entsprechend alleinstehend begleitet in ihrer Entwicklung. Bedacht. Bei gerecht verteilter Zeit.

Vielleicht eine Illusion. Auf jeden Fall erstrebenswert. Arrrr.

Kennt ihr das Gefühl keinem Kind gerecht zu werden? Erst Recht, wenn ein Kind aus Gründen mehr zeitliche&emotionale Ressourcen beansprucht?

Anne

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3 Comments

  • Reply Annika 13. Januar 2020 at 19:11

    Das kenne ich so gut das Gefühl, sogar fast täglich. Und es wird mich immer begleiten. Obwohl meine Kinder oft glücklich rüber kommen oder manchmal auch ausgeglichen wirken, trotzdem trifft mich der Gedanke. Ein fast Erwachsen, das andere Schulkind und das Jüngste ein Inklusionskind. Ich denke das was wir geben können geben wir und es wird nie unbedingt alles reichen. Du machst das wunderbar und es wird alles gut werden. Liebe Grüße Annika

    • Reply Anne 13. Januar 2020 at 21:01

      Scheinbar muss ich mich mit dem Gefühl anfreunden. Es wird bleiben.

      Wir geben, was wir geben können. Made my day. Danke dir dafür. Und auch schön, dass es nicht nur mir so geht.

      3 Kinder unterschiedlichen Alters und alles unter einen Hut zu bekommen… Respekt.

  • Reply Sari 14. Januar 2020 at 8:45

    Meine beiden sind sich in so vielem gleich, aber dennoch total verschiedene Charaktere, die ganz unterschiedlich Aufmerksamkeit von uns brauchen. Das macht es auch manchmal nicht einfach, gerade, weil man dann doch irgendwie einen von beiden für den Moment eben nicht so sehr beachten kann, wie den anderen und einer dafür dann kurzweilig zurück stecken muss. Aber sie lieben sich und sind füreinander da.

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