Allgemein

Geburtstagsbilanz

24. Juni 2015

3 Jahre! Unfassbar. Krümelie ist drei Jahre. Nach einem rauschenden Fest gestern, übergebe ich heute das Wort. 

Mein 30.
Geburtstag

Jetzt
bin ich also 30 Jahre alt geworden. Viel bedeutet diese Zahl eigentlich nicht
für mich, denn ich fühle mich körperlich absolut fit, schließlich habe ich im
letzten Jahr 10 Kilo abgenommen und ich mache viel Sport, vor allen Dingen
Kampfsport. Die Falten im Gesicht sind auch trotz Neurodermitis seit fünf
Jahren nicht mehr geworden. Außerdem habe ich erschreckt festgestellt, dass ich
noch immer nicht alt genug für Pickel bin… Und kaum jemand hält mich wirklich
für 30. Die meisten Leute schätzen mich auf etwas über 20 Jahre. Ich sage dann
immer: Tja, ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder, das hält jung.
Aber der
30. Geburtstag ist trotzdem ein guter Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen und um darüber
nachzudenken, was man in seinem Leben noch erreichen möchte.
Mein
Leben war bisher recht chaotisch. Zwar habe ich ganz normal Abitur gemacht und
dann studiert, aber das Chaos begann schon mit der Wahl des Studienfaches. Ich
hatte nach dem Abitur absolut noch keinen Plan, was ich mit meinem Leben
anfangen soll. Die einzige feste Größe in meinem Leben war mein Freund, der
schon seit ich die elfte Klasse besucht habe, treu an meiner Seite steht. Ich
habe ihn kennen gelernt, weil er wegen seines Pharmaziestudiums aus seiner
oberfränkischen Heimat zu uns nach Mittelhessen gekommen war und genauso
Kampfsport macht wie ich. Er musste zwar irgendwann wegen der Arbeit wieder in
seine Heimat zurückkehren, wir sind aber auch mit einer Fernbeziehung gut
zurechtgekommen.
Vielleicht
war er nicht wirklich die einzige feste Größe, es gab noch mehr Dinge, die mich
durch mein Leben begleitet haben. Von ihnen allen war wohl zuerst das
Turner-Syndrom da. Das ich natürlich von Geburt an habe. Es hat mich durch mein
Leben begleitet, weil ich deshalb einige Therapien machen musste und ich
dadurch eine ganz eigene Sicht der Dinge habe. Ich kann keine Kinder bekommen,
deshalb fällt es mir schwer, Frauen zu verstehen, die ihre Kinder nicht wollen
und abtreiben. Und ich fühle mich auch manchmal angegriffen durch die Debatte um
die weiterführende Pränataldiagnostik, die ab und zu aufflammt. Außerdem hatte ich durch das UTS
einen schweren Herzfehler und bin als Kind zweimal am Herz operiert worden. Dadurch
lernt man, worauf es im Leben wirklich ankommt und geht mit seinem Körper
anders um als jemand, der so etwas noch nicht erlebt hat. Vielleicht habe ich
deshalb auch einige Ängste, die andere nicht haben, und bin manchen Dingen
gegenüber eher skeptisch. Natürlich haben meine Eltern mich wegen all der
gesundheitlichen Probleme mehr behütet, als man das mit gesunden Kindern tut,
und das hängt mir bis heute nach, ich traue mir einiges nicht zu, was sich
andere zutrauen – und manchmal auch Dinge, die Andere mir zutrauen. Und
natürlich bin ich kleiner als Andere, trotz Wachstumshormonen. Aber der
Kleinwuchs hat mich nie wirklich gestört, ich denke immer, wenn alle gleich
groß wären, wäre es doch verdammt langweilig. Und man kommt mit sehr
interessanten Menschen ins Gespräch, wenn man sie darum bittet, etwas vom
obersten Regalbrett zu holen. Eigentlich betrachte ich das Turner-Syndrom als
etwas, das mich durchaus auch zu etwas besonderem macht, auch wenn ich
natürlich unter den Symptomen und Therapien gelitten habe und gehänselt
und ausgegrenzt wurde (man darf nicht denken, dass man nicht „Gartenzwerg“
genannt wird, wenn man Wachstumshormone nimmt, auch mit den Hormonen wird man
immer kleiner sein als der Durchschnitt). „Normal“ sein kenne ich ja gar nicht,
also mache ich irgendwie das Beste aus dem, was ich bin.
Und da
kommt noch eine Sache ins Spiel, die mich durch mein Leben begleitet und die
ich wohl von meinen Vorfahren geerbt habe: eine unendliche Hartnäckigkeit,
Zähigkeit und Nehmerqualitäten. Die Fähigkeit, nach Rückschlägen einfach
aufzustehen, sich den Staub abzuklopfen und weiterzumachen, ohne sich wirklich
davon einschüchtern oder beeindrucken zu lassen. Scheitern gehört für mich auch
mal zum Leben dazu, mir ging es zum Beispiel so, dass ich meinen ursprünglichen
Traumberuf Lehrerin (was meine Studienfächer angeht hatte ich mich letztendlich
für Philosophie, Russisch und später auch Biologie entschieden, und zwar auf
Lehramt für Gymnasien) aufgegeben habe, weil ich im Referendariat gespürt habe,
dass ich keine Chance habe, jemals glücklich in diesem Beruf zu werden. Meine
Fachkompetenz speziell in meinem Fach Russisch war damals noch zu gering und
ich kam mit Schülern und Ausbildern nicht zurecht. So wurde mein Referendariat
also zu einer ziemlich schlimmen, aber irgendwie doch wertvollen Erfahrung.
Immerhin habe ich in dieser Zeit wirklich viel über mich selbst und soziale
Interaktion gelernt, das ist sogar einem Kollegen von mir damals aufgefallen.
Und es wäre eine Lüge, zu sagen, dass es nicht auch nette Kollegen und Schüler
gegeben hätte, mit denen ich wirklich schöne Momente hatte.
Also
habe ich mir eben den Staub abgeklopft und mich entschieden, mit Russisch doch
noch weiterzumachen und Übersetzerin zu werden. Jetzt stehe ich kurz vor dem
Abschluss meines Zweitstudiums und kann endlich bald ins Berufsleben starten.
Sprachen, und speziell die Russische, sind eben auch eine Leidenschaft von mir,
die mich durch mein Leben begleitet.
Was
ebenfalls schon seit ewigen Zeiten mein Begleiter ist, ist meine Freude an
Musik. Ich spiele bereits seit vielen Jahren Querflöte, hatte auch lange Zeit
Unterricht, übe regelmäßig und habe ein recht gutes Niveau für einen Laien
erreicht. Mittlerweile spiele ich auch Klavier, aber noch nicht sehr lange. Für
mich ist Musik eben ein wunderbarer Ausgleich, man kann sich erholen und viel
Freude an dem haben, was man spielt. Auch die eigenen Fortschritte zu sehen tut
gut. Man entwickelt sich mit der Musik auch selbst weiter, und wenn man sich
selbst weiterentwickelt, verändert sich auch die Musik, die man spielt und die
Art, wie man sie spielt.
Tja, und
auch das Kämpfen gehört irgendwie zu meinem Leben. Das Sich-durchbeißen. Als
Kind schon bei den Operationen im Krankenhaus und in der Schule habe ich mich
durchgekämpft. Heute im Studium ist es nicht anders. Mein Freund fragt mich
manchmal, warum ich dauernd kämpfe und warum für mich alles ein Kampf ist, und
vor allem, wofür ich überhaupt kämpfe. Ich weiß es selbst nicht, vielleicht ist
das einfach so, weil ich mich immer durchbeißen musste. Meist geht es mir um
Anerkennung und manchmal auch einfach um mein Selbstbewusstsein.
Von
daher passte der Kampfsport, den ich jetzt auch schon seit fast 15 Jahren
ziemlich eifrig betreibe, sehr gut zu meiner Persönlichkeit. An anderem Sport
habe ich einfach keinen Spaß. Mir gefällt die Gruppendynamik und die Arbeit mit
einem Partner im Kampfsport. Außerdem denke ich, dass es wirklich sinnvoll ist,
zu lernen, sich zu verteidigen, gerade wenn man eine kleine Frau ist… In den
Gruppen muss man trotzdem in der Regel mit zwar netten, aber großen, schweren Männern
trainieren, weil wenig Frauen solchen Sport machen. Aber na ja, wie schon
gesagt, man beißt sich eben durch. Und auf diese Art lernt man wenigstens
etwas. Ich weiß, dass ich es schaffe, jemanden zu werfen, der 90 kilo oder mehr
wiegt, denn das habe ich im Training schon oft gemacht.
So also
sah mein Leben mit dem Turner-Syndrom bisher aus. Natürlich war es nicht immer
leicht, und so manches, was ich mir gewünscht hätte oder was ich versucht habe,
hat nicht funktioniert. Aber alles in Allem bin ich zufrieden und kann, glaube
ich, auch zufrieden sein.
Was noch
vor mir liegt ist jetzt eben der Einstieg in das Berufsleben, den ich bei der
derzeitigen Marktlage und den Möglichkeiten, die man als Übersetzer hat,
allerdings auch recht optimistisch sehe.
Ob ich
nun, da ich nach der langen Fernbeziehung auch zum ersten Mal mit meinem Freund
zusammenziehe, auch heiraten und eine Familie gründen möchte? Keine Ahnung. Ich
weiß nicht, ob ich die Verantwortung für ein Kind übernehmen möchte, ob
adoptiert oder durch eine Eizellspende entstanden. Einen ausgeprägten
Kinderwunsch habe ich seit dem Referendariat nicht mehr. Vielleicht ist auch
das eines von den Dingen, die ich mir eben nicht zutraue und die in meinem
Leben einfach etwas anders sind als bei anderen Frauen. 

Vielen Dank für deinen Beitrag! 
Ich schätze, dass deine geerbten Fähigkeiten – Hartnäckigkeit, Zähigkeit und Nehmerqualitäten – durch das UTS verstärkt werden. Und so bin ich mir sicher, dass du deinen Weg gehen wirst. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute dabei. 

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