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Fragen über Fragen (NIPT inspiriert)

20. Juli 2015

Wissen ist mächtig.„, schrieb ich kürzlich. Mein Wissen über das Ullrich-Turner-Syndrom bringt mich in die Lage mächtig stolz zu sein. Auf diese Kämpferinnen. Auf meine Krümelie. Mein Wissen über die nicht invasiven pränatalen Tests hingegen macht mich mächtig traurig. Sie stellen die Existenz meines Kindes in Frage.
      
Bettina, als lebensbejahende Frau mit UTS, stellt dazu drei Überlegungen in den Raum, über die es sich lohnt nachzudenken. Vielen Dank für deine Gedanken.   


1. Wer will schon, dass sich ein hässlicher, dummer Zwerg in seiner
Familie breit macht? 

Die Anwendung von NIPT beim UTS basiert auf veralteten
Vorstellungen und immer wieder wiederholt, falschen
Informationen. Vorurteile werden plakativ auf den Punkt gebracht. Sie werden nicht widerlegt. Es wird auch nicht entlarvt, dass bei solchen Entscheidungen nur als negativ
angesehene Eigenschaften benannt werden. Wer macht sich schon die
Mühe, uns Betroffene auf einen gemeinsamen positiven Nenner zu
bringen? Braucht es so etwas als Gegenbild?

2. Die gesellschaftspolitische Komponente

Wir leben in Deutschland in einer paradoxen Gesellschaft.
Einerseits hatten wir noch nie so viele persönliche Freiheiten wie
gegenwärtig, leben in einer Individualgesellschaft.


Andererseits sind wir eine Leistungsgesellschaft und folgende
Fragen sind allgegenwärtig: Wer kann/sollte welche Leistung zu welchem Zeitpunkt in welcher
Situation erbringen? Welche Kosten werden verursacht? Wer soll das
bezahlen?
Das fängt vor der Geburt an, geht weiter beim Mutterpass, der
Verschulung des Kindergartens durch Bildungspläne bis zur Universität.


Möchte ich in so einer Welt leben? Als alte Frau, vielleicht krank
oder behindert?
Eine düstere Zukunftsutopie. In nicht allzu ferner Zukunft werden keine Zeitzeugen des Dritten
Reiches mehr leben, aber immer mehr Kinder, die in dieser
Leistungsgesellschaft groß geworden sind und deren Normen und
Gesetze von klein auf verinnerlicht haben.


Wäre es nicht eine logische Konsequenz zum Suizid (zum sozial
verträglichen Frühableben) am Ende des Lebens zu ermutigen und ihn
mit ebenso schönen und harmonischen Bildern zu illustrieren, wie
wir es gegenwärtig beim Werbematerial für den Panaromatest der
Firma Amedes bewundern können? Wenn die in der Gegenwart noch
tabuisierten Fragen öffentlich diskutiert werden: Soll die
Solidargemeinschaft tatsächlich die Pflege der Alten bezahlen?
Können oder wollen wir uns das als Gesellschaft noch leisten?

3. Meine erste Reaktion auf die NIPT war das Gefühl: Die rotten
uns aus!

Das habe ich mir von der Seele geschrieben, indem ich die NIPT mit
Genozid verglichen habe. Ein Genozid, der nicht staatlich
verordnet und durchgeführt wird, sondern, wie in unserer
Individualgesellschaft üblich, dem Einzelnen überlassen wird und
damit auch von ihnen verantwortet werden muss.

Wie seht ihr das? Auf der einen Seite brachte uns als Gesellschaft Wissen die medizinischen und technischen  Möglichkeiten mit den Bluttest. Auf der anderen Seite ist Wissen als Aufklärung über das UTS unerlässlich. Ich verfluche den Fortschritt an der einen Stelle und hoffe auf ihn an einer anderen. 
Welche Erfahrungen habt ihr mit den NIPT? Welche Meinung vertrettet ihr? Welche Vorurteile stollten besonders widerlegt werden? In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? 
Fühlt euch alle herzlich eingeladen zu kommentieren – gerne auch anonym…  




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