Gedanken, Veranstaltung

Menschenwürde im Technologie Zeitalter

3. Juli 2018

Werbung durch den Bezug auf eine öffentliche Veranstaltung

Hilfe zum Selbstdenken – das ist Ethik.

So jedenfalls hieß es bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats. 10 Jahre gibt es ihn nun. Eine Institution, die sich aus der Stammzellendebatte entwickelte. Zum Zehnjährigen wurde die Menschenwürde im Technologie Zeitalter in den Fokus gerückt angesichts der sich stetig entwickelnden Welt. Und so wurde die Veranstaltung mit internationalen Sprechern und wichtigen Gästen wie folgt betitelt:

Des Menschen Würde in unserer Hand – Herausforderungen durch neue Technologien

So ein Ethikrat hat die Aufgabe den Menschen Wissenschaft und Entwicklung näher zubringen. Da erscheint es logisch, dass wir selbst denken sollen. Nachdenken erstrebenswert ist. Die verschiedensten Eindrücke boten mir auf jeden Fall Stoff zum Senieren.

Was mich angesprochen bzw. motiviert hat meinen Horizont zu erweitern und am 27. und 28. Juni der Tagung beizuwohnen, formulierte eine beeindruckende Frau:

Eine Ethik der Würde wird jedoch fragen, inwiefern die oft uneingestandene, dennoch markante Wertetransformation zu verantworten ist, etwa in der „Naturalisierung“ menschlicher Embryonen in ihrer Ver-Wertung für das embryonale Genome-Editing oder in der Reduktion menschlicher Kommunikation auf Informationsverwertung sowie menschlichen Handelns auf automatisierbare Bewegungsabläufe.

Prof. Dr. Hille Haker

Da steckt eine ganze Palette an Gedanken drin.

Nach welchen Werten leben wir? Wie kommunzieren wir? Was heißt es Mensch zu sein, wenn weder Genomen noch Fähigkeiten einmalig und unverbesserlich sind?

Lässt sich die Würde des Menschen definieren? Wie? Und in welchem Kontext? Manche Diskussionen schienen unausgegorren. Zeit ist dabei wohl der Knackpunkt. Die Statements und Vorträge jedenfalls waren mitunter sehr informativ und eindringlich.

Menschenwürde

Facettenreich kommt der Begriff daher. Als Schutz. Als Freiheit. Mit Autonomie. Mit Verletzlichkeit. Mit Geschichte. Mit Konzept. Mit Denkern wie Kant. Mit moralischer Verantwortung. Als Politikbegriff. Als Dichterbegriff. Mit Verständnispluralität. Interdisziplinär. Beschreibend. Bewertend.

Ein Artefakt wie Prof. Dr. Sheila Jasanoff feststellte, das gefunden und gedeutet wird.

Die Idee von Menschenwürde ist, dass jedes menschliche Individuum den gleichen Wert und begleitende Rechte und Aufgaben hat. Von Geburt an. Bis zum Tod. Es offenbart sich damit die Begrenzheit der menschlichen Existenz. Nicht aber, ob Intelligenz dabei eine Rolle spielt.

Sie ist unantastbar die Würde des Menschen, was keine Untätigkeit legitimiert.

Gefühle wie Wut und Freude machen uns menschlich. Durch sie werden wir aktiv. Sie sind die Grundlage für Werte und Moral und bedingen sich gegenseitig. Achtung und Aufmerksamkeit gehen damit einher, sodass das Mitfühlen und ganzheitliches Denken unsere menschliche Würde stützt.

Die Magie unserer Gefühle ist ein biochemischer Algorithmus, dem ein Rechenprozess zugrunde liegt.

Prof. Yuval Noah Harari betonte weiter, dass er keine Angst vor künstlicher Intelligenz, sondern vor menschlicher Dummheit hat.

In Zeiten von Bio- und Informationstechnologie macht der freie Markt bzw. der freie Wille keinen Sinn mehr, weil unsere Gefühle auf biochemischen Rechenprozessen basieren. Der Algorithmus übernimmt. Analysiert. Berechnet. Nutzt. Instrumentalisiert. Manipuliert.

Der Mann von der Hebräischen Universität Jerusalem sprach davon, dass es möglich ist „to hack human feelings“.

Das wir Menschen beeinflussbar sind, ist keine neue Erkenntnis. Die Frage ist, wie wir oder wer den Fortschritt gestaltet. Oder basiert unser Handeln doch auf mehr als einem Rechenprozess?

Ich frage mich, ob Digitalisierung, (bio)technische Entwicklungen, die Möglichkeiten auf das Gehirn, Genome und Alltägliches Einfluss zu nehmen, künstliche Intelligenz im Gegensatz zu Menschlichkeit und Menschenwürde stehen?

Ist Menschsein das Pendant zur Technik?

Bioethik

Im Bereich der Medizin ist uns der technische Fortschritt meist sehr willkommen. Eine verbesserte Gesundheitsversorgung kommt uns schließlich allen zugute. Oder?

Angesichts einer Globalisierung der Gesundheitsversorgung und internationaler Forschung braucht es eine globale Bioethik. Dafür jedenfalls sprach sich Prof. Dr. Henk ten Have aus. Er sprach von Kooperation statt Wettbewerb und von sozialer Verantwortung. Klar ist aber auch, dass nicht alle vom Fortschritt profitieren und die eigenen finanziellen Möglichkeiten Grenzen setzen.

Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert sprach sich für eine Verständnis von Menschenwürde als Alltagsmoral aus, wenn es um mögliche Gehirn-Intervention geht. Schadensvermeidung, Wohlergehen und Selbstbestimmung ziehen weniger die Grenzen als vielmehr die nicht absehbaren Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft.

Prof. Dr. Hille Haker hinterfragte, warum Angebote geschaffen werden, die dann reglementiert werden?

Am zweiten Tag vertrat Prof. Dr. Kevin M. Esvelt eine ähnliche Überzeugung.

Öffentlich erklären bevor die Forschung beginnt

Wenn wir die Möglichkeiten haben, müssen wir sie dann nicht nutzen?

Zum jetzigen Zeitpunkt kann mit einer Skalpelltechnik „CRISPR“ zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Gen bearbeitet werden. Es müssen nicht mehr beide DNA Stränge aufgeschnitten werden und ebenso ist das Risiko einer Krebserkrankung ausgeschlossen, sodass genetische Störungen bearbeitet werden können.

Bei menschlichen Embryonen ist nicht sicher, ob tatsächlich alle Zellen die gewünschte Veränderung aufweisen, wenn die Gene „bearbeitet“ wurden, sodass sich der Mann vom Massachusetts Institute of Technology für die Nutzung von „CRISPR“ vor der Befruchtung aussprach.

If CRISPR is to safely edit future humans, it will be used on reproductive cells before fertilization: on cells that produce sperm, on mature sperm or eggs, or on cells that can be turend into sperm or eggs.

Prof. Dr. Kevin M. Esvelt

Die Zukunft des Planeten wird von Technik bestimmt. In seinen Ausführungen spricht der Mann davon, dass wir alle möglichen Hebel nutzen müssen, um Veränderungen herbeizuführen. Er schlägt vor das Patentwesen zu verändern und wünscht sich eine Welt, in der neue Technologien eingeführt werden, wenn sie sich auf Probleme beziehen, die allen klar sind.

Er wünscht sich einen öffentlichen Diskurs, weil die Wissenschaftler im Labor allein nicht alle Konsequenzen abschätzen können.

Dabei beeinflusst die Frage nach der Nutzungspflicht von neuen Technologien.

Claudia Wiesemann ergänzte, dass es nicht darum geht Forscher zu verpflichten ihre Ideen öffentlich zu machen. Vielmehr geht es darum, dass sie nicht bestraft werden, wenn sie es tun.

Sie führt in ihrem Statement aus, dass die Eingriffe in die Keimbahn Diskrepanzen erzeugen. Wären modifizierte Menschen, obwohl sie verbessert wurden, nicht mehr ebenbürtige Menschen? Ist es unsere Pflicht die Chance zur Vermeidung von Erbkrankheiten zu nutzen?

Was wollen wir realisieren mit der Genschere?

Und was ist das Besondere an uns Menschen?

Die Gefühle ja scheinbar nicht. Das Streben nach Glück vielleicht? Unser Sinn für Moral? Unsere Handlungsfähigkeit? Unsere kognitiven Fähigkeiten?

Doch brauchen wir dann künstliche Intelligenz?

Vermenschlichung der Maschinen

Welchen Einfluss haben künstliche Intelligenzen auf unsere Beziehungen? Zum Beispiel in der Pflege oder in Bezug auf Sex-Roboter?

Technik fungiert als Beobachter, als Wächter und als Begleiter. Sie kann Emphatie nur imitieren. Prof. Dr. Thomas G. Dietterich führte aus, dass die Überwachung eine Bedrohung darstellt. Informationsquellen müssen validiert werden und dürfen nicht zu ungleicher Behandlung der Menschen führen. Zum Beispiel bei der gesundheitlichen Versorgung.

Dr. Paula Boddington erklärte, dass wir uns selbst entmündigen, wenn wir die Verantwortung an Maschinen abgeben. Das übermäßige Verlassen auf die Technik bürgt Gefahren. Es ginge vielmehr darum menschliches Potenzial auszuschöpfen.

Prof. Dr. Steffen Augsberg führte aus, dass künstliche Intelligenz Auswirkungen auf Einzelrechte hat. Wer zum Beispiel ist verantwortlich, wenn ein „autonomes Fahrsystem“ einen Unfall baut? Und wenn das Fahrsystem autonom fährt, wie kann es sein, das jemand anderes verantwortlich ist?

Ist Autonomie dem Menschen vorbehalten?

Der Professor für öffentliches Recht unterstreicht, dass Bewusstsein wichtig ist und sich unser Rechtssystem ändern muss.

Herausforderungen

Viel erwähnt wurde, dass wir herausgefordert werden. Das wir uns Fragen stellen müssen auf die es keine simplen und dogmatischen Antworten gibt. Und wir müssen sie immer wieder neu stellen. Was macht uns aus? Und wie wird mit der Würde des Menschen umgegangen? Wo muss die Menschlichkeit geschützt werden? Und wo tun sich Chancen auf?

Wie wollen wir uns verhalten?

Es gibt verschiedene Ethikräte. Selbst einen europäischen und Globalisierung ist immer ein Thema. Der Blick über den Tellerrand.

Ich hätte mir hier tatsächlich einen Mehrwert auch von anderen Branchen, IT-lern, Soziologen oder Lebenswissenschaftlern gewünscht. Die Bioethiker waren deutlich vertreten und der philosophische Blickwinkel. Nun sind solche Veranstaltungen „runtergebrochen“. Für Tiefe und konkrete Beispiele fehlt die Zeit und der Rahmen.

Wir brauchen einen menschlichen Faktor in einer komplexer werdenden Welt.

Und wir brauchen Institutionen, die sich für den Diskurs einsetzen. Der Deutsche Ethikrat folgt dabei den Prämissen: Pluralität achten, Nachdenklichkeit erzeugen und Orientierung anbieten.

Die Orientierung wurde in bisher 14 Stellungnahmen formuliert.

Ich frage mich: Wer ist an der Diskussion beteiligt, wenn es um ethische Fragen geht?

Bei der Veranstaltung selbst habe ich einige Wörter notiert, die ich anschließend nachschlagen wollte. Auch das Lesen in die Stellungnahmen (Ansichtsexemplar sei Dank) erfordert eine gewisse Kompetenz. Grundsätzliche Informationen über den Ethikrat sind in leichter Sprache verfügbar. Bei den Stellungnahmen wird eine „Seite nicht gefunden“- 404 Fehlermeldung angezeigt. Ich frage mich wirklich, wie da ein öffentlicher Diskurs stattfinden kann, sodass alle daran teilnehmen können. Immerhin sind es gesellschaftliche Zukunftsfragen. Ja, Expertenwissen und -meinungen sind von großer Bedeutung, aber bringt der Diskurs in Fachkreisen nicht auch Gefahren.

Es geht mir nicht ums Runterbrechen. Es geht mir um Zugänglichkeit.

Es ist einfach blöd, wenn die gegebene Orientierung nicht verstanden wird. Und Nachdenken sollten wir doch alle auf allen Ebenen. Im Stillenkämmerlein. Bei Gericht. Im Labor. Im Miteinander.

Da wären wir wieder bei den Herausforderungen.

Was macht den Menschen aus im Zeitalter der Technologie?

Anne

menschenrechtliche Perspektive beim Salon für inklusiven Dialog

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1 Comment

  • Reply Freitagslieblinge am 6. Juli - x-mal anders seinx-mal anders sein 6. Juli 2018 at 22:21

    […] Außerdem beschäftigte ich mich nochmal mit Menschenrechten und neuen Technologien. […]

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