Lesezeit, Rezension, Werbung

Lesezeit #22 – PS: Es gibt Lieblingseis

15. August 2018

(Vor)Lesemomente schätze ich sehr. Ein Buch zum Festhalten. Ein Grund zum Einkuscheln. Eine Anregung zum Denken und Fühlen.

Für die Kinder und mich schaue ich deswegen nach Büchern. Ich suche gezielt nach einem seitenstarken Mehrwert in den Bereichen „Miteinander“, „Vielfalt“, „Anderssein“ und „Ich-Sein“. Diese sammele ich in dieser Reihe namens „Lesezeit“.

Das folgende Buch ist ein Rezensionsexemplar und befasst sich mit dem Thema Intergeschlechtlichkeit. Ein wichtiges und aktuelles Thema. Immerhin muss noch in diesem Jahr eine dritte Wahlmöglichkeit ins Personenstandsgesetz aufgenommen werden.

PS: Es gibt Lieblingseis

Luzie Loda * Marta Press * 2018

Bella kommt in die Schule. Bereits beim Schnuppertag lernte er Alex kennen. Die Beiden sind absolute Zauber- und Fußballfans. Als dieser nun endlich zur Einschulungsfeier kommt, kann Bella das Programm genießen.

Im Klassenraum spielen alle zum Kennenlernen „Mein rechter, rechter Platz ist frei“. Da sie noch nicht ihre Namen kennen, werden beschreibende Merkmale genannt.

Jola sagt: „Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir das kleine Mädchen mit dem Zauber T-Shirt herbei.“ Darauf erwiedert Bella: „Das stimmt nicht. Ich bin weder klein noch ein Mädchen.“

Damit beginnt ein Prozess. Sie beginnen über Intergeschlechtlichkeit zu sprechen und auch Bellas Fragen und Nöte, weil die Welt in „Jungen“ und „Mädchen“ geteilt wird, werden gezeigt.

Nach zwei Tagen begleitet sein Papa Bella in die Klasse und verdeutlicht mit einer Übung, dass die Unterteilung in zwei Gruppen in den seltensten Fällen für alle zutrifft.

Wo würdest du dich einordnen?: Alle die Schokoeis mögen, stellen sich an die Tafel. Alle die Erdbeere mögen gehen zum Fenster. Wer ein anderes Lieblingseis hat, bleibt in der Mitte.

Und was ist eigentlich mit Alex und Bella?

da kommen Fragen auf

Am Ende des Buches werden wir eingeladen über Intergeschlechtlichkeit zu sprechen. Wir bekommen dazu auch Fragen an die Hand.

Zum Beispiel: Wie würdest du dich beschreiben?

„Nicht mit klein. Ich bin nicht klein.“, sagte mein Tochterkind daraufhin. Und neben der Tatsache, das ihr Schulstart ebenfalls kurz bevor steht, verbindet sie das mit Bella. Die Beiden sind nicht klein.

Das nicht automatisch Sichtbare lässt sich manchmal gar nicht so leicht in passende Worte kleiden. Das es nicht nur „Jungen“ und „Mädchen“ gibt, ist für meine Kinder nicht völlig neu. Jedoch hatte Krümelie einen wichtigen Gedanken. Ich kann nicht mehr genau wiedergeben, wie sie fragte, woran Intergeschlechtlichkeit erkennbar ist? Doch es führte dann zur Frage des Umgangs.

Auf die ich keine Antwort hatte. Wie nutzen wir unsere Sprache in der Ansprache? (Ich verweise auf den Text über Neopronomen.) Wie lässt sich die Umgebung gestalten? (Da finde ich das Beispiel mit den Toiletten sehr aussagekräftig. Gesellschaftskritisch)

Müssen sich intergeschlechtliche Menschen immer erklären? Erklären, wie sie angesprochen werden möchten und, dass sie in keine bestehende Schublade passen? Lässt sich die Welt nicht anders gestalten? Brauchen wir überhaupt die Geschlechtertrennung?

Wer mag Schokoeis und wer mag Erdbeereis?

Intersexualität und Intergeschlechtlichkeit werden oft synonym verwendet. Das scheint nicht stimmig. Wie wir geboren werden, ob als Mann, Frau oder Dazwischen ist schließlich keine sexuelle Orientierung. Die Nutzung des Wortes Intergeschlechtlichkeit scheint die bessere Wahl. Lies auch hier.

Es wir sich für Verständnis über das Sein und den Umgang noch einiges tun müssen, damit langgehegte Kategorien neuen Denkmustern Platz machen. Einen Anfang dazu bietet das Kinderbuch „PS: Es gibt Lieblingseis“.

Die Geschichte auf weißen Seiten gebunden, wird durch Wort und Bild gleichermaßen erzählt. Die Illustration ist wie „visual note taking„, obwohl sie mal mehr mal weniger Fläche einnimmt und bestimmt auch Geschmackssache ist. Nicht überladen. Nicht unbedingt ästhetisch-künstlerisch, dafür vorallem nicht kindlich verniedlicht in der Gestaltung, aber meine Kinder mochten es gerne lesen und ansehen.

Lebensnah bzw. nahbar regt der Schulstart des Kindes Bella zum Nachfühlen und Nachdenken an.Und ganz klar trägt das Kinderbuch auch eine „Du bist nicht allein.“-Botschaft mit sich.

Mir gefällt die Herangehensweise, dass Menschen nicht etikettiert werden müssen. Es gibt mehr als Entweder – Oder. Mehr Möglichkeiten. Mehr als zwei Gruppen zur Unterscheidung. Und das mit den Eissorten zu erklären und so für Kinder verständlich zu machen, finde ich klasse.

PS: Die Kinder mögen am Liebsten Mango und ich Minze. Und du?

***

Ab September wird es pädagogisches Begleitmaterial geben. Siehe hier.

Ein weiteres Kinderbuch mit Intergeschlechtlichkeit als Thema im Kindergarten stellte ich bereits vor und bei Marta Press erschien auch ein zauberhaftes Märchen über das Küssen und (lesbische) Liebe.

Anne

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2 Comments

  • Reply Freitagslieblinge am 17. August - x-mal anders seinx-mal anders sein 17. August 2018 at 21:03

    […] Ein Kinderbuch über Intergeschlechtlichkeit, was die Geschlechterunterteilung in Frage stellt… Wir begleiten Bella an seinen ersten Schultagen und können überlegen, ob wir lieber Schoko- oder Erdbeereis mögen… Oder sind wir offen für Lieblingseis? […]

  • Reply BuchBerlin 2018 - x-mal anders sein 10. Dezember 2018 at 6:27

    […] Der Indipendent-Verlag Marta Press bringt gesellschaftskritische Bücher auf den Markt. Manchmal wirklich keine leichte Kost. Im Programm gibt es auch Kinderbücher. Ich bin ein großer Fan von „Flora und der Honigkuss“ sowie „PS: Es gibt Lieblingseis.„. […]

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