Kleinwuchs

„Mama, ich bin die Kleinste in meiner Klasse.“

25. Oktober 2018

An einem Abend kurz vor den Herbstferien war das Tochterkind ganz ruhig. Wir hingen, glaube ich, beide unseren Gedanken nach. Wir lagen da auf dem Sitzsack und sahen zu wie es draußen dunkler wurde. Unvermittelt sagte sie: „Mama, ich bin die Kleinste in meiner Klasse.“. Ich streichelte ihr über den Kopf, küsste ihre Stirn und bejahte. Es folgte Stille.

„Stört es dich?“, fragte ich irgendwann. „Ja, am Anfang schon.“ antwortete sie. „Jetzt nicht mehr?“. wollte ich wissen. „Nein.“ Ich fragte nicht weiter. Sie wirkte mit sich im Reinen.

Kleinwuchs – Größenwahn oder Krankheitswert?

Oft schon wurden wir gefragt, ob die Kinder Zwillinge sein. Oft schon kam Krümelie zu mir und berichtete, dass jemand ihr nicht glaubte, wenn sie ihr Alter nannte. Oft schon haben mir solch ungläubige Reaktionen einen Stich im Herzen versetzt.

Auf der einen Seite erzählen wir dem Kind, dass sie zwar keine große Schwester ist, aber trotzdem zuerst geboren wurde. Sie ist älter. Wenn Krümel eingeschult wird, kommt Krümelie schon in die vierte Klasse. Sie hat ihm einiges voraus, obwohl er jetzt größer ist als sie. Wir erzählen ihnen, dass Menschen verschieden sind und sie eben wachsen, wie sie wachsen.

Und auf der anderen Seite befasse ich mich mit Wachstumsfugen und Hormonen. Frage mich, ob das Kind unter ihrer Größe leidet. Ob ich ihr Chancen verbaue, wenn wir nicht versuchen ein paar Zentimeter herauszuholen.

Ist Kleinwuchs ein Krankheitswert?, frage ich mich. Geht es um Optimierung? Größenwahn? Gesundheitliche Probleme? Entsteht die Notwendigkeit des Eingreifens, da soziale Benachrichtigung verhindert werden soll? Ist es nicht logischer die Verbindung von Größe und Leistung zu hinterfragen? Oder könnten wir nicht eher die Umgebung oder auch Gesellschaft optimieren als das Kind?

Manchmal finde ich mich heuchlerisch im Spannungsfeld zwischen dem Rückenstärken im Sinne von „Du bist gut, so wie du bist.“ und der Frage „Geben wir doch Medikamente, um dem Kleinwuchs entgegenzuwirken?“.

Mit Bekanntwerden der Diagnose „Ullrich-Turner-Syndrom“ war abzusehen, dass Kleinwuchs als Hauptsymptom unser Leben als Thema begleiten wird. Spürbar in seinen Konsequenzen im Alltag. Mit möglicher Therapie und Entscheidungsnot daherkommend.

klein und schlau

Die Körpergröße eines Menschen beeinflusst die Wahrnehmung der Mitmenschen. Ich möchte nicht, dass das (schulische) Können bzw. die Einschätzung dessen von der Körpergröße abhängig gemacht wird.

Obwohl ich gespannt bin, wie das beim Schulsport und deren Benotung wird, hat das Wachstum doch wenig Einfluss auf das Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Oder nicht?

Für mich war klar, dass wir eine Schule suchen müssen, die zum Tochterkind passt. Ihre Größe sollte sie nicht von Bildungschancen fernhalten.

Dabei ging es zum Einen um ihre Rückengesundheit. So ein Ranzen ist mitunter und auf Dauer ziemlich schwer und belastend. Zum Anderen wollte ich einen Lernort, an dem sie in ihrem Sein unterstützt und ihr Selbstvertrauen gestärkt wird.

Eine Schulrückstellung wäre nicht in Frage gekommen. Ich habe den Argumenten dafür, die bei der Schuleingangsuntersuchung auch wirklich zur Sprache kamen, den Wind aus den Segeln genommen. Ich musste vorausdenken. An der Intelligenz meines Kindes habe ich nie gezweifelt.

In der Schule, die wir gewählt haben, gibt es also Spinte. Sie muss keinen schweren Ranzen tragen. Und es wird ähnlich wie bei der blu:boks Berlin auf die Stärkung des Selbstwertes durch Kunst gesetzt, durch das Stehen auf der Bühne, durch das kreative Schaffen mit verschiedenen Materialien, durch zusätzliche Angebote am Nachmittag, die Gruppenerlebnisse ermöglichen.

Warum das nicht zum Standard gehört, ist mir sowieso ein Rätsel.

Ja, Krümelie ist die Kleinste in ihrer Klasse. Und daran wird sich nichts ändern. Wir haben unsere Energien in die Schulwahl gesteckt und uns vorerst gegen das Spritzen von Hormonen entschieden.

Ich hatte dann doch nochmal nachgefragt, warum meine Tochter sich jetzt wohler mit ihrer Größe fühlt… Eine Viertklässlerin hatte ihr erklärt, dass sie klein, schlau und nicht nutzlos sei. Das Eine schließt das Andere nicht aus. Ihre Worte haben Eindruck auf Krümelie gemacht und ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

#AchtungBarriere

Heute ist Welt-Kleinwuchs-Tag. Der BKMF (Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V.) ruft daher zu einer bewusstseinsstieftenden Aktion auf.

Du bist auf eine Barriere für etwa 100.000 kleinwüchsige Menschen in Deutschland gestoßen! Menschen, die als Erwachsene nicht größer als 150cm werden, gelten in Deutschland als kleinwüchsig. Geldautomaten, Fahrkartenschalter, Klingel- und Fahrstuhlknöpfe, Treppen & Co. sind für diese Menschen oft gar nicht oder nur mit großer Mühe nutzbar.

Machen wir darauf gemeinsam aufmerksam. Es geht um Sensibilisierung. Der Verband hat Sticker erdacht und versendet, damit können wir die Barrieren kenntlich machen, über sie in den Dialog gehen und hoffentlich etwas ändern.

Anne

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1 Comment

  • Reply Sarah Kroschel 26. Oktober 2018 at 9:19

    Da hat die Viertklässlerin wirklich etwas Schönes gesagt.
    Ich werde auch ständig von anderen darauf aufmerksam gemacht, dass das Heldenkind ja kleiner ist als die Kinder, die fast ein Jahr nach ihm geboren wurden. Da mache ich mir auch dann und wann so meine Gedanken, aber der Arzt sagt immer, das alles in Ordnung ist und der kleine Mann ist sehr durchsetzungsfähig. Größe ist nicht immer alles, finde ich.

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