Familienleben, Gedanken

Vertrauen

25. April 2019

Neulich hatte ich ein Gespräch mit dem Erzieher meines Sohnes. Das jährliche Entwicklungsgespräch. Ich muss gestehen, ich hatte keine großen Erwartungen an dieses Gespräch, weil ich weiß, welches Handwerkszeug er nutzt. Dank einiger Anekdoten wurde es doch tatsächlich eine angenehme Unterhaltung.

Mein Sohn jedenfalls ist einfach ein Kind. Er hat keine „Tiefpunkte in der Entwicklung“. Keine außergewöhnlichen „Baustellen“. Weder in die eine noch die andere Richtung. Ich gestehe, so richtig wusste und weiß ich nichts mit dieser Information anzufangen. Schulterzucken. Vielleicht sollte ich sein Sein schlichtweg feiern?

Das, was sein muss, nimmt und tut Krümel mal mehr mal weniger mit Gelassenheit. In manchen Situationen braucht er Bestärkung. Das, was ihn interessiert, saugt er auf wie ein Schwamm. Das sind manches Mal Dinge, bei denen er seinem Alter voraus ist. Er lernt mit seiner Schwester. Und die ist nunmal in der ersten Klasse. So lernt er halt das Alphabet und Rechnen mit.

Obwohl meine Kinder auch öfters uneins sind, streiten und sich „unfair“ behandelt fühlen, weil ich meine Aufmerksamkeit nicht gleich verteile, ist es doch schön, dass sie einander haben. Und sie vertrauen und stützen sich gegenseitig.

Als wir auf dem Spielplatz waren zum Beispiel bewältigte Krümelie mit Ehrgeiz und Begeisterung einen Kletterparcour. Krümel wollte ihr nacheifern, bekam dann in luftiger Höhe aber ein mulmiges Gefühl. Krümelie spornte ihren Bruder an, kletterte hinter ihm, sprach ihm Mut zu und sie jubelten, als er es geschafft hatte.

Krümelie ist mitreizend, wenn sie eine Idee hat, wenn sie in einer Geschichte oder eben einem Rollenspiel aufgeht. Sie ist strahlend und das ist ansteckend. Manchmal aber ist sie so gradlinig dabei, sodass für andere Ideen und Kompromisse kein Raum ist. Krümel bevorzugt (daher) immer öfter logisches, geregeltes Vorgehen wie bei Gesellschaftsspielen. Und er mag es wild, wobei er seine Stärke testen und herauslassen kann, was mit seiner Schwester nicht gut funktioniert.

Die Kinder sind in ihrem Wesen, Vorlieben und Begabungen verschieden, überrascht jetzt nicht, das ist mir klar. Der Alltag wird oft von diesem oder jenem überschattet, Erwartungen (von Außen) und Aufgaben begleiten und fordern uns. Auch das ist kein Geheimnis. Das Leben mit Kindern ist bunt, laut, lustig, anstregend, zerrend, beglückend und so viel mehr.

Kürzlich waren wir auf dem Gehöft meines Cousins zu besuch. Die Kinder waren ausgelassen. Pflückten Löwenzähne, fütterten Nachbars Pferde, fuhren auf dem Rasenmäher mit, schleppten Steine und gossen Pflanzen. Nach einer Weile sah ich mein Tochterkind. Sie hatte im Matsch gespielt und war von Kopf bis Fuß eingemoddert. Entsetzen auf meinem Gesicht. „Wie siehst du den aus?“- Ausruf meinerseits. In meinem Kopf ratterte es: keine Wechselsachen dabei, die Berechnung der Temperatur-Nässe-Krankheitswahrscheinlichkeit lief…

Meine Tochter – ihrerseits – lächelte und sagte: „Hauptsache ich hab Spaß gehabt.“. Und mir dämmert, dass ihre Einstellung besser ist.

André Stern, sagte bei einem Vortrag, den ich am 12. April besuchte, dass Kinder Potenzialbomben wären. Er sprach davon, dass Kinder, ausnahmslos alle Kinder, denen mit Vertrauen und Zutrauen begegnet wird, ihre Fähigkeiten entfalten. Es gilt hinzuschauen, was aus dem Kind herauskommt. Es gilt gemeinsame Wege zu finden, die passen. Spielerisch. Zwanglos.

Was würde passieren, wenn alle (Kinder) ohne Erwartungen dem Genuss des Seins nachgehen können/konnten? Was würden wir lernen?

Wir würden in einer Gesellschaft leben, die nicht über den Pränataltest, nicht über Entwicklungstabellen und missverstandene Inklusion diskutiert. Wir hätten Menschen, die Vertrauen haben und Lösungswege für Probleme suchen.

In Kindergärten würden „Bestärkungsgespräche“ geführt werden, generell würde das, was Kinder offenbaren ohne den Vergleich mit Anderen/ ohne Sorgen/ ohne veralterte Denkmuster im Vordergrund stehen, genau wie die Frage: Wie wir Vertrauen wirklich leben können?

Und wir hätten alle mehr Spaß.

Oder, was denkst du?

Anne

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Marie Franz 15. Mai 2019 at 0:56

    Ein wunderbarer Beitrag, danke! Bestärkt mich total in meiner Intuition! Ein „Bestärkungsgespräch“ hätte ich für mich selber auch gern mal :)!

  • Leave a Reply

    Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

    Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

    Schließen