Gedanken

Mohnblumen

12. Juni 2019

Ich sitze im Zug. Wie so oft in letzter Zeit. Allein. Das letzte Mal mit den Zwein. Ich starre aus dem Fenster. Wiesen, Felder und Wälder ziehen vorbei. Verschwimmen. Werden klarer in Bahnhofnähe.

Ich erblicke Mohnblumen.

Sie tauchen immer wieder auf. Einzeln. Am Wegesrand. Viele. Auf Äckern. Ich denke an längst Vergangenes. Kaum gepflückt, fallen die roten Blütenblätter schon. Als Kind habe ich das getestet. Viele Male. Auf einem Feld.

Farbenprächtige Schönheit. Von Orang- bis Kaminrot. Kräftig und zart. Fragil. Im Moment des Strahlens erblickt. Schon fast Vergangen. Wie eine Seifenblase kurz vor dem Platzen. Ein herrliches Gewächs. Ein Blickfang mit seidigen Blüten und giftigem Milchsaft. Zuversichtlich der Sonne entgegengestreckt. Zaudern, wenn die Blütezeit vergeht.

Was bleibt, wenn das Ende naht?

Wenn das Welken nur eine Frage der Zeit ist? Was bleibt? Um uns? Am Wegesrand? Auf den Feldern? Was passiert mit dem Meer an Rot?

Am Ende vergeht jedes Leben. Sterben ist nicht schön. Unbewegliche Knochen. Augen kaum noch offen. Das Sein entgleitet. Haut spührt noch Berührungen. Hände werden gehalten. Neue Atemmuster. Bis zum letzten Zug.

Den Kreislauf des Lebens annehmen.

Auskosten. Betrachten. Erfreuen. Schönheit bewundern. Nutzen sehen. Was ist wichtig? Würde ich die Mohnblumen überhaupt wahrnehmen, wenn sie immer blühen würden?

Bei Mohnblumen mag die Antwort einfach sein. Ähnlich wie bei den Seifengebilden. Perfektion durch Vergänglichkeit. Doch. Was hätte das Leben für einen Sinn ohne den Tod?

Angst und Trauer sind besitzergreifend. Weder die Mohnblumen noch ein Leben verlieren ihren Wert durch die Vergänglichkeit. Warum schmerzt es dann so? Wandel gewinnt an Bedeutung. Es hat sein Gutes. Würde ewig blühender Mohn, den niemand sieht und würdigt, einen Sinn ergeben? Das Herz verkrampft. Trotzdem.

Leben genau wie Sterben ist ein Prozess.

Der Tod das Ende. Der Mohn braucht keine Diagnose. Anders als uns ist ihm seine Vergänglichkeit nicht bewusst. Er blüht einfach.

Ich sitze im Zug. Allein. Wie so oft in letzter Zeit. Starre aus dem Fenster. Erblicke Mohnblumen. Einzeln. Am Wegesrand. Viele. Auf Äckern. Wenn der Mohn verblüht ist, hinterlässt er eine Lücke.

Anne

Wie reden wir mit Kindern über die Vergänglichkeit?

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