Lesezeit, Rezension, Werbung

„Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ – Comicbuch von Julia Bernhard?

9. August 2019

unbezahlte Werbung/ Rezension

Da saß ich in einem fancy Café, schlürfte meinen Cappuccino und wollte der Protagonistin von Julia Bernhards Comicbuch-Debüt in ihr Sofa folgen.

Das Schöne an der menschlichen Existenz ist doch die vielfältige Interaktion mit der Umwelt.

Vom ersten Lächeln. Funktionierenden Spiegelneuronen. Von einst gefeierten ersten Worten. Heuristischen Strategien. Stets im Kontakt mit Mensch, Tier und Natur. Bis zum aufkeimenden Wunsch die unentwegte Kommunikation möge pausieren.

Soft Skills. Passende Worte. Smalltalk. Ein Gegenüber. Nerviges Geplapper. Stumme Einvernehmlichkeit. Erwartungen. Austausch. Erhellend. Blabla. Mimik. Gestik. Getippte Worte. Smartphones, die uns mit dem Außen verbinden. Wachsende Zimmerpflanzen. Gehegt und gepflegte Beziehungen.

Das Soziale, der tägliche Wahnsinn – eine schier endlose Würze unseres Daseins. Geboren aus dem Bedürfnis nach Nähe, Ausdruck und Miteinander. Oder?

Würde ich meine schwurbeligen Gedankengänge mit jemensch, der im Café mir gegenüber säße, teilen, würde jemensch wahrscheinlich spätestens jetzt schulterzuckend feststellen: „Schön, dass wir darüber geredet haben“.

Daher schlage ich hiermit den Bogen zu den mehrwertbringenden Informationen.

Comicbuch * vierfarbig * Flexicover * August 2019 * 20€

„Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ aus dem avant-verlag

Auf ganz einmalige Weise, spitzsinnig und bissig, stellt Julia Bernhard in szenischen Comic-Miniaturen verinnerlichte Denkmuster und desen Effekt im menschlichen Handeln dar. Bleibt die Frage, was es mit uns macht? Wie wir damit umgehen? Uns wehren (können)?

In zehn Episoden blicken wir durch die Augen der Protagonistin, werden Teil von Gesprächen, die aus einem sozialen Muss heraus entstehen und einen ratlos zurücklassen u.a. am Kaffeetisch bei Oma oder im Großraumbüro, erfreuen uns an der Liebe vom Mops, müssen die Verachtung der Zimmerpflanze sowie die Offenbarung des Toasters aushalten, können jedoch zwischen den Kapiteln das Erlebte auf dem Sofa verarbeiten. Und über allem prangt: „Eat • Shit • Die“.

Das Comicbuch bietet Identifikationsfläche, nicht nur für Frauen in den Zwanzigern, Anlass für schwurbelige Gedanken (siehe weiter oben) und zeigt die Komplexität von Kommunikation (und/in) Beziehungen. Dabei lohnt es sich den Blick auf die Metaebene zu richten, auf das was im Hintergrund bzw. drumherum passiert, auf die Katzen der Oma genauso wie auf die Interaktion der Menschen an anderen Tischen in ner Kneipe.

Julia Bernhard. Ihres Zeichens Cartoonistin. Illustratorin.

„In einer Welt, die entzaubert ist, wo jegliche Informationen abrufbar sind, da darf es ruhig Geheimnisse geben.“,

sagte die junge Frau in den Zwanzigern an einem sommerlichen Tag in Berlin zu mir. Welch Ehre. Ihre Arbeit steht im Mittelpunkt. Öffentlich. Für sich.

Ich erfahre, dass Julia Bernhard an der Hochschule Mainz Kommunikationsdesign (Bachelor) und Illustration (Master) studierte und ihre Cartoons zum Beispiel beim „The New Yorker“ veröffentlicht wurden.

Ein wenig Einblick gebend, berichtet sie, dass Szenen aus dem Alltag, zum Zeitvertreib, zum Üben gezeichnet und bei Instagram veröffentlicht, dazuführten, dass sie heute mit 2 Freundinnen ein Atelier gemietet und ihr Hobby zum Beruf gemacht hat. Außerdem wird vor der Arbeit der Hund spazieren geführt. Die Work-Life-Balance fordert uns eben alle heraus.

Neben der erschütternden Erkenntnis, dass sie keinen Kaffee mag, ist für mich Fakt: Die Frau beherrscht ihr Handwerk.

„Die größte Offenbarung ist die Stille.“ – Laotse

Fern vom Kindchenschema, mit einer Farbgebung, die ich mit „sich mit geschlossenen Augen der Sonne zu wenden“ assoziiere, mit beeindruckend ausdrucksstarken Gesichtsausdrücken und Vielschichtigkeit besticht die Lektüre.  So resümierte ich und nahm den letzen Schluck aus meiner Tasse.

Bereits beim Packen meiner Sachen ratterte es in meinem Kopf. Mir fielen Gespräche und mitunter bizzare Szenen ein. Genau wie mir eine zerzaust aussehende, bäuchlings auf dem Sofa liegende, Frau in den Sinn kam. Mit Augenringen. Von einer leichten Unordnung umgeben. Angestupst von zwei Kindern…. Versteht ihr worauf ich hinaus will?

Kurze Pause.

Jedenfalls auf die Frage nach einer Fortsetzung antwortete Julia, dass ihr Sozialleben stetig daran arbeitet. Was zum Einen Hoffnung auf mehr macht, bedeutet zum Anderen, dass unser aller Interaktion mit der Umwelt sich fortsetzt bis wir uns durch eine Sofaritze zwängen und formatieren.

Oder schwungvoll eine Cafétür aufschwingen lassen und verschwinden.


Zum Verlag geht es HIER.

Mehr von der Illustratorin gibt es HIER und HIER zu sehen.


Lest ihr eigentlich Comics?

Anne

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen