Erzieherin & Kindergarten, Lesezeit, Rezension

Künstlerisch-kreative Prozesse in der Kita unterstützen: Bücher zur Anregung

19. August 2019

Ein Kindergarten ist ein guter Ort, um Ideen zu entwickeln und ihnen nachzugehen. Ein Ort für eigene Entwicklung, ko-konsteuktives Lernen und bildende Aktivitäten. Ein Ort, wo sich Bildungsbereiche und Kompetenzen bedingen, verfeiern und erweitern. Ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Immerhin machen Themen wie Medien, Nachhaltigkeit und Werte des gelebten Miteinander kein Halt an der Tür.

Mein Schwerpunkt bei der Auseinandersetzung mit der Welt bzw. der Begleitung der Kinder dabei liegt auf dem künstlerisch-kreativen Ausdruck.

Impulse durch Bücher

Nicht nur eine einladend gestaltete bzw. vorbereitete Umgebung sondern auch Kinderbücher regen zu künstlerisch-kreativen Tätigkeiten ein. Sie motivieren. Sie machen Lust auf Nachahmung, auf Selbsttätigkeit und Ausprobieren. Eröffnen einen bisher unbekannten Zugang. Bestärken. Ermutigen. Fordern uns heraus. Wecken die Neugier und werfen Fragen auf, denen nachgegangen werden kann.

Sich mit Farben auseinandersetzen, sich dem Künstlerleben & Schaffensprozessen und ganz allgemein den alten Meistern & Kreativem widmen – ich habe Bücher genau dazu gesammelt, die ich euch gern vorstellen möchte.

Los geht es.

Was Herr René so alles malt

Leo Timmers * 2018 * Schaltzeit Verlag * ab 3 Jahren * HIER gehts zum Kinderbuch

Herr René ist ein Maler. Seine Werke sind realitätsgetreu. Nur leider verkaufen sie sich nicht auf dem Markt. Gekauft wird bei der Obst-&Gemüsehändlerin Rosa. Herr René wünschte sein Apfel würde nicht nur echt aussehen, wenn er sich schon nicht verkauft. Er hatte schrecklichen Hunger. Plötzlich taucht ein ungewöhnlicher Mann auf und erfüllt seinen Wunsch.

Alles was Herr René von da an malte, wurde echt. Er stillte seinen Hunger und erfüllte sich seine Wünsche. Aber als Rosa ihm ein Bild abkaufen möchte, kommt er ins Grübeln…

Die fantasievolle Geschichte, immerhin ist Herr René ein Hund und „die gute Fee“ ein Mann mit schwarzer Melone, fröhlich-verspielt illustriert, bietet einen perfekten Einstieg, um sich dem Künstlerleben zu widmen und im weiteren Sinne dem Surrealismus und René Magritte. Außerdem erzählten mir die Kinder bei der Betrachtung von ihren Wünschen. Und ich mag den philosophischen Ansatz… Macht Besitz glücklich? Was zählt, wenn wir etwas tun, was wir gerne tun?

Das schwarze Buch der Farben

Menena Cottin * Rosana Faria * 2008 * 6 Auflage 2018 * Fischer KJB

Der Titel ist Programm. Das Buch ist schwarz. Auf der linken Seite charakterisiert ein Thomas Farben. Je ein Satz, in weiß gedruckt, beschreibt, was er mit (einer) Farbe assoziiert. Er mag Farben, weil er sie hören, riechen, fühlen sowie schmecken kann. In der oberen Hälfte ist dies in Braille-Schrift geprägt.

Auf der linken Seite ist reliefartig, erhaben, lackartig, schwarz auf schwarz und fühlbar ein Bild gedruckt. Bei der Farbe Rot zum Beispiel ist es eine Erdbeerpflanze.

Ein kunstvolles Buch, was zur Wahrnehmung sensibilisiert. Im Kindergarten nur mit Begleitung durch Erwachsene nutzbar. Zum Einen sind die Seiten doppelt gelegt, sodass es schnell kaputt gehen kann. Zum Anderen bietet sich so die Möglichkeit über die Braille-Schrift und die Sehkraft zu sprechen.

Ob es wirklich so sehr für Menschen gemacht wurde, die blind oder schlecht sehend sind, finde ich fraglich. Die Abbildung ist sehr komplex. Da keine Bildbeschreibung vorhanden und der Bezug zu dem Satz nicht immer eindeutig ist, weiß ich nicht, ob es gänzlich erfasst werden kann.

Für einen anderen Zugang zu Kunst und der eigenen Wahrnehmung & Vorstellungskraft ist es großartig. Und die erhabenen Abbildungen faszinieren.

Der Punkt & Ramons Atelier

Peter H. Reynolds * 2011 & 2018 * Gerstenberg * ab 4 Jahren

Ina meint, dass sie nicht malen kann. Ihre Kunstlehrerin ermuntert sie. Obwohl Ina anfänglich sichtlich genervt einen Punkt setzt, entsteht daraus eine Leidenschaft und es entstehen vielfältige Punkte. Am Ende ist Ina weit entfernt von „Nicht-Können“. Sie ist eine stolze Künstlerin geworden und gibt ihre Überzeugung an einen Jungen weiter.

Vielleicht einen Jungen wie Ramon, der ein begeisteter Maler ist. Bis sein Bruder sich darüber lustig machte, dass seine Bilder nicht „echt“ aussehen. Er malte und malte. Versuchte und versuchte. Zerknüllte jede Menge Blätter. Als er aufgeben wollte, entdeckt er im Zimmer seiner Schwester ihre Galerie aus seinen zerknüllten Bildern. Inspiriert machte er sich leidenschaftlich daran „ICH-ige“ Bilder zu malen. Einfach so. Und das regte ihn zu noch viel mehr an…

Die Bücher zeigen, dass der Glaube an seine Fähigkeiten und Wertschätzung viel bewegen kann. Es zeigt sich, was aus der Nutzung verschiedener Materialien, Techniken und Herzblut entstehen kann. Ausdrucksstark, auf das wesentliche konzentriert, gezeichnet, mit einer Farbe versehen, meist unbegrenzt in der Mitte der Seite ist die Illustration.

Die Bücher betonen die Wichtigkeit von „Gesehen-werden“. Die Präsentation von Geschaffenem bestärkt, verdeutlicht und kann Neues bewirken. Die Bücher machen Lust auf Nachahmung.

Im Auge des Betrachters

Ein Rundgang durch die Alte Nationalgalerie

Die Geschwister Paula und Remo machen einen Rundgang durch die Alte Nationalgalerie mit ihrem Opa, der dort früher als Aufseher gearbeitet hat. Der alte Herr hat Werke ausgewählt, die er seinen Enkeln zeigen möchte. Um ihr Interesse zu wecken, fantasieren sie über die Entstehung der Werke und die Zeit (des 19. Jahrhunderts), kommen in einen quizartigen Austausch und der Opa teilt sein Wissen über die Exponate mit ihnen.

Der in einem realistischen Stil gezeichnet Comic ist zwar nicht für die Kinder im Kindergarten geeignet, aber sicher eine Inspiration für Pädagogen. Einfach Kunstinteressierte.

Im letzen Jahr war ich mit einer Gruppe von Kindern zu einer Führung in dem Museum. Sie bezog sich auf die Farbe Blau und ihre Verwendung. Es macht Sinn sich auf eine bestimmte Anzahl an historischen Werken und die Gemeinsamkeit zu beziehen, über das Zusehende zu reden und Fragen zu stellen.

Am Ende des Comics im Glossar erfährt man wissenswertes rund um die Alte Nationalgalerie (bis 18 Jahre ist der Eintritt frei) und die im Buch gezeigten bzw. besprochenen Werke.

Ungezwungen. Lehr- und anekdotenreich. Eindrucksreich wie die historischen Meister selbst und realistisch gezeichnet. Eine Einladung zum Hinsehen und Eintauchen in Bilder. In der Alten Nationalgalerie. Oder in einem anderen Museum. Um das Alte und eigene Neue zu verbinden.

Rotkäppchen

Spielbuch mit 10 Masken

Bastelvorlagen und Theaterskript – In einer Art Pappschuber befinden sich auf der rechten Seite 10 Masken zum Ausschneiden, die märchenhaft nostalgisch aussehen. Auf der linken Seite ist ein Heft eingesteckt, in dem das Märchen „Rotkäppchen“ kurz zusammengefasst und als Theaterstück mit Erzähler und Dialogen niedergeschrieben ist. Bevor sich der Vorhang öffnen kann, gibt es noch hilfreiche Tipps.

Märchen könnten als altmodisch bezeichnet werden. Gleichzeitig stellen sie eine Erzählform dar, die von wundersamen Ereignissen handeln. Vielleicht sollten sie zumindest mal gehört worden sein?

In diesem Märchen-Bastel-Spiel-Set geht es nicht nur um das Märchen „Rotkäppchen“ sondern eben auch um die Heranführung an die darstellende Kunst. Die enthaltenen Masken könnten die feinmotorischen Fähigkeiten von Kindergartenkindern übersteigen, aber sie lassen sich problemlos individualisieren. Oder es werden eigene gebastelt und die Vorlagen werden für die Aufführungsankündigung genutzt.

Für Pädagogen, die mit Kindern zum ersten Mal ein Theaterstück aufführen, ist das „roter Faden“-Heft von der Besprechung der einzelnen Rollen, der Aufstellung bis zum Stück mit Anmerkungen/ Handlungsempfehlungen sicher hilfreich. Oder es entsteht eben eine abgeänderte Geschichte, weil Jäger und aufgeschlitzte Bäuche „blöd“ sind.

Manchmal braucht es eine Anregung, wie etwas sein könnte, um künstlerisch-kreative Prozesse in Gang zu bringen…

Kunst mit Torte

Thé Tjong-Khing * Moritz Verlag * 2017 * ab 5 Jahren

Frau Hund möchte ein Bild malen. Über ihren Gedanken schlief sie ein. In ihrem Traum hat sie bereits ein Bild – natürlich mit Torte – gemalt. Ein dreister Dieb klaut es im Gewusel der Vorbereitungen für eine Ausstellung. Eine wilde Verfolgung beginnt. Von Seite zu Seite stürmen alle durch wechselnde und surreale Landschaften, die von bekannten Stilrichtungen und Gemälden inspiriert wurden. Am Ende erwacht Frau Hund und vollbringt ihr Werk.

Ganz ohne Text können wir in dieses Wimmelbuch eintauchen. Allerdings braucht es auch hier einen (im besten Fall kunstgeschlichtlich versierten) Erwachsenen, der die Betrachtung begleitet. 28 Künstler bzw. Kunstwerke tauchen in dem Buch auf. Als Hilfe sind sie auf der Umschlagsinnenseite wie Briefmarken abgebildet.

Spürsinn braucht es. Abenteuerlust. Da fließen die Uhren von Salvador Dali, da ist der Schrei von Edvard Munch, da schwimmen wir auf der Welle von Katsushika Hokusai…Van Gogh, Kandinsky, Mondrian, Rousseau, Picasso, Chagall… Es lohnt sich genau hinzuschauen.

Wirkungsvoll, andeutungsreich und geprägt von verschiedenen Charakteristika der Kunst können wir die Bildbetrachtung genießen und das Beschreiben üben, von Seite zu Seite Handlungsstränge, Verbindungen und große Meister entdecken. Mit zunehmendem Alter, eigenem Anspruch sowie Kenntnissen wird sich die Nutzung ändern.

Sagen Sie jetzt nicht, das ist Kunst

53 szenige und je eine Seite einnehmende Cartoons über die moderne Kunst, ihre Präsentation, die Akteure und Betrachter in diesem Feld vereint in einem Buch. Mit schwungvollen und präzisen Lienen gezeichnet. Auf den Punkt. Mit handschriftartigen Kommentaren als Unterschrift.

Dynamische Strichführung. Farbe an den richtigen Stellen. Kunstcartoons mit Humor pointiert, zum Schmunzeln, ohne ins lächerliche zu gehen, kurzweilig und einladend. Wie ist das so mit der modernen Kunst? Der Cartoonist Dirk Meissner erinnert uns sowie die Akteure des Kunstgewerbes daran, dass wir uns selbst nicht zu Ernst nehmen sollten.

Übertragen auf die Arbeit mit Kindern: Wie ist unser Blick auf das vom Kind Geschaffene? Wer entscheidet, was Kunst ist und was weg kann? Nutzen wir Phrasen zur Bewertung der Bilder?

Kunst im Kindergarten

Ein Balanceakt zwischen Anregung und Begrenzung. Kein Kind soll denken „Das kann ich nicht.“ und die eigene Motivation verlieren, weil es sich mit berühmten „Meistern“ vergleicht. Ich finde jedoch, dass Kinder von einer anregenden Umgebung profitieren können. Für mich gehören (Kinder)Bücher dazu. Und ich hoffe, dass sie inspirieren zum Selbsttätig-werden und Erzieher*innen eine Anregung bieten.

Was für Werke sollten in keinem Kindergarten fehlen?

Mit dem Vorgestellten sagt hoffentlich kein Kind, dass es nicht weiß, was es malen kann…

Anne

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