Alleinerziehend, Familienleben, Gedanken

Muttertagsgedanken

10. Mai 2020

Gedenktage, Protest- sowie Aktionstage, Welttage und internationale Tage werden ausgerufen, um auf etwas aufmerksam zu. Sie dienen zum Sensibilisieren der Öffentlichkeit und sollen Bewusstsein nebst Verständnis schaffen. Belange offenbaren. Erinnern. Oftmals auch Umdenken in der Gesellschaft anstoßen. Missstände aufzeigen. Gebündelt Forderungen an politische Entscheidungsträger*innen herantragen. Beim Muttertag scheint das anders zu sein. Da soll es um Dankbarkeit gehen. Einmalig. Das reicht schon?

Muttertagsgedanken

Es wird zum Basteln aufgefordert. Im Kinderradio werden Väter daran erinnert, dass in diesem Jahr keine Kunstwerke im Kindergarten entstehen und sie sich etwas einfallen lassen sollen. Natürlich soll der ausgeschlafenen Mutter das Präsent beim gemeinsamen Frühstück überreicht werden. Auch von der Schule kommen Aufgaben. Die Kinder sollen eine Karte basteln und schriftlich festhalten, was sie an ihrer Mutter schätzen.

Die konsumfördende Werbung bestärkt ebenfalls, dass der Muttertag im Privaten gefeiert wird. Mit speziellen Rabattaktionen, Specials und Editionen zu diesem Anlass werden wir zum Zeigen unser Dankbarkeit aufgefordert. Also zum Kauf.

Ich muss nicht darauf aufmerksam gemacht werden, dass ich Mutter bin. Hätte ich in den letzten Wochen nur einen Cent für jeden „Mama“-Ausruf bekommen, hätten wir ausgesorgt. Muttersein ist wunderschön und herausfordernd zugleich. Meine Kinder sind großartig. Kein Problem.

Die Notwendigkeit alles parallel zu schaffen zerrt.

Was stresst und schlaucht, ist das Drumherum. Die Vereinbarkeit. Die Zerrissenheit. Die Notwenigkeit alles mögliche gleichzeitig zu sein. Und die Erwartungshaltung lächelnd, ohne Unmut und möglichst gut als Mutter zu sein.

Ich möchte nicht hören, dass der Vater meiner Kinder dafür gelobt wird, dass er mich entlastet, weil er sich um seine Kinder kümmert. Ich will mich auch nicht glücklich schätzen, dass er Unterhalt bezahlt und wir die Kinder gemeinsam erziehen. Das sollte selbstverständlich sein. Ich will mich auch nicht mit anderen Familien vergleichen müssen. Schon gar nicht mit „echten“ Alleinerziehenden.

Es ist großartig, dass andere Mütter und Väter ihre Kinder nach einer Trennung ganz allein beim Aufwachsen begleiten können, dass sie alles unter einen Hut bekommen und Unglaubliches wuppen. Respekt. Meine Situation ist eine andere.

Mir muss auch keiner erzählen, dass ich sooo viel Freizeit habe, weil ich nur Teilzeit arbeite. Care-Arbeit ist notwendig, zeiteinnehmend und fordernd, wird aber weder bezahlt noch gewürdigt. Macht aber eben auch Arbeit. In der vermeintlichen Freizeit.

Meine Tochter ist mit einer Chromosomenvariation geboren. Das ist kein Grund ihr Leben in Frage zu stellen. Kein Grund für Drama. Aber es bringt die Notwendigkeit mit sich Bedürfnisse und Erfordernisse im Blick zu haben und zu berücksichtigen. „Alles halb so schlimm“, aber (spät)abtreiben hätte ich sie trotzdem können. Banalisieren, Vorverurteilen und Abtun nervt mich. Wir können nicht wissen, in welcher Lage sich ein Mensch befindet oder mit welchen Dinger gekämpft wird.

Wertschätzung ist eine innere Haltung.

Anerkennung sollte sich nicht auf einen einzigen Tag konzentrieren.

Und mal ehrlich, Kinder brauchen keinen datierten Anlass, um ihren Müttern Selbstgemachtes zu überreichen. Ich stelle die Normalität, dass Mütter selbstlos und aufopfernd sein müssen, in Frage. DIE typische Mutter gibt es nicht. Das Bild von Mutterschaft muss sich ändern.

Der Muttertag braucht ein anderes Datum und einen anderen Schwerpunkt.

Nicht immer an einem Sonntag. Es sollte ein Protest-, Aktions- oder Streiktag sein, dann eben meistens wochentags, an dem die Stimmen laut werden für eine geschlechtergerechte und familienfreundlichere Politik. Für Wahlmöglichkeiten, ob eine Frau überhaupt Mutter sein möchte. Für die Freiheit berufliche und private Strukturen zu gestalten. Ohne Existenzängste, Alterssorgen und Kinderarmut. Für weniger Perfektions-, Optimierungs- und Termindruck. Für mehr „Du bist genug“. Für:

Weniger „Mutter schafft“ und mehr „Mutter sein“.

Weniger Erwartungs- und Leistungsdruck und mehr Einklag. Kinder wachsen am Besten in Gemeinschaft auf. Mit Mitgliedern, die sich gegenseitig unterstützen oder sich zumindest keine Steine in den Weg legen. Mütter bringen Kräfte auf, die oft nicht gesehen und anerkannt sind. Viele würden sicher lieber einfach nur mit ihren Kindern zu sammen sein wollen, nur eine Sache zu einer Zeit machen. Stattdessen improvisieren, planen, ordnen und gestalten sie um wie jetzt in der Corona-Zeit. Beispiele gibts HIER zum Nachlesen. Und ich bin auch gar nicht so allein mit meiner Denke. Oder, Esther?

Was wohl entsteht, wenn wir gesellschaftlich Umdenken?

All ihr verschiedenen, leidenschaftlichen, liebenden und starken Mütter, die ihr eure Kinder im Arm oder Herzen tragt, feiert euch. Jeden Tag. Seid. Vorallem so, wie es für euch passt.

Anne


Nachtrag

Wenn wie gestern aus dem Gesundheitsministerium sowie dem Familienministerium nur nette Dankesworte kommen und ein klischeetriefendes veraltetes Rollenbild massentauglich transportiert und öffentlich kommuniziert wird, dass Homeoffice und Schularbeiten zwar anstrengend, aber gut machbar sind, müssen wir uns nicht (mehr) wundern. Viele Eltern sind wütend. Je lauter und eindrücklicher die Empörung wird, desto mehr scheint es, dass Kinder „irgendwie“ in die Bindungeinrichtungen sollen, anstatt andere Maßnahmen zu ergreifen.

CoronaEltern rechnen darum ab. Zeigen ihren Mehraufwand und beziffern ihn. Andere protestieren. Fordern Coronaelterngeld, doppelte Rentenpunkte oder das Aussetzen der Schulpflicht. Es geht um Anerkennung, die Konsequenzen nach sich ziehen, die für Entlastung und finanzielle Unterstützung sorgen. Ohne die Gesundheit zu gefährden.

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