Anderssein, Leben mit dem Ullrich-Turner-Syndrom

Anderssein am Arbeitsplatz

24. Mai 2020

Diversität sollte in der Arbeitswelt willkommen sein. Vielfältige Teams mit passenden Strukturen sind oft innovativer. Mitarbeiter*innen, die unabhängig u.a. von Herkunft, Geschlecht, Alter, physischer oder psychischer Fähigkeiten im beruflichen Umfeld wertgeschätzt werden, arbeiten motivierter und engagierter.

Grade im sozialen Bereich, wo Menschen ausgebildet werden, um mit verschiedensten Menschen umzugehen, könnte davon ausgegangen werden, dass ein Willkommen-heißen, Feingefühl und ein wohlwollendes Miteinander üblich sind

Das dem nicht immer so ist, erlebt grade eine gut ausgebildete junge Frau, die ungern zur Arbeit geht und sich durch ihre Vorgesetzte regelrecht gemobbt bzw. diskriminiert fühlt.

Pädagogisches Feingefühl

Angsterfüllt verlasse ich die Wohnung. Wird sie es wieder tun? Was, wenn? Wird es wieder so weh tun? Sie schlägt nicht, doch ihre Worte tun genauso weh. Vielleicht noch schlimmer. Sie verurteilt mich dafür, dass ich mich innerlich immer weiter zurückziehe. Das tue ich, weil ihre Worte so verletzend sind. Sie will, dass ich aus mir herauskomme. Ich kann nicht mehr. Wieder zuhause kommen mir oft die Tränen.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. War stolz auf meine Ausbildung. Aber was zählt das jetzt? Jeden Tag angsterfüllt das Haus zu verlassen, nicht wissend, ob sie mich heute wenigstens in Ruhe lassen wird. Ich dachte, ich hätte etwas erreicht. Und jetzt? Blicke ich auf einen Scherbenhaufen. Warum habe ich mir das angetan? Warum habe ich ihr so viel Macht über mich und mein Selbstbewusstsein, über mein Selbstwirksamkeitsgefühl, gegeben? Und wie kann ich ihr diese Macht, die von ihr ungefragt so schamlos ausgenutzt wird, wieder wegnehmen?

Ich bin wütend. Wütend auf sie. Waum tut sie das? Auch wütend auf mich. Warum lasse ich mir das gefallen? Ich fühle mich ohnmächtig. Möchte schreien. Bin aber wie verstummt. Ich kann nicht mehr.

Ich habe doch ein pädagogisches Studium absolviert. Mit guten Referenzen. Und jetzt scheitere ich an einer „PÄDAGOGISCHEN FÜHRUNGSPERSÖNLICHKEIT“, die meint, mich persönlich beleidigen und angreifen zu dürfen? Die meint, ich sei nicht empathiefähig und nicht vorurteilsfrei? Und sich dann wundert, dass ich mich immer weiter in mich zurückziehe?

Auch wenn ich durch das Turner-Syndrom KÖRPERLICH klein bin, ich werde kämpfen (müssen). Vielleicht an anderer Stelle.

Anderssein im Job

Dem Erleben, was hier beschrieben wird, liegt eine abschätzige Bewertung und benachteiligende Unterscheidung zugrunde. Aufgrund der Größe und des Seins, obwohl sie ihren Chromosomensatz unerwähnt ließ.

Wir sind in Kontakt gekommen durch das Turner-Syndrom. Mut hat sie mir gemacht, dass die Intelligenz nicht in Verbindung mit dem UTS in Frage gestellt werden braucht. Sie teilte ihre Erfahrungen mit mir, berichtete von ihrem Studium und nun leider auch davon.

Wer nicht der Norm entspricht, nicht den Erwartungen, den Konventionen, wer sich behaupten muss (aus welchem Grund auch immer) im Berufsleben, hat es schwer. Wenn dadurch Mobbing bzw. Diskriminierung erlebt wird, ist das einfach scheiße. Und DAS macht etwas mit einem. Ich bin dankbar für diesen Einblick.

Es braucht Bewusstsein, das Aussprechen von Erlebtem, um Andere zu sensibilisieren. Es braucht Anerkennung von menschlicher Vielfalt und Diversity Management in der Arbeitswelt, was dem Abbau von Diskriminierung dient. Dabei geht es nicht um Nutzenkalkül von Unternehmen, nicht um das Zuschreiben von Identitäten und Produzieren von Schubladen, sondern um das Entgegenwirken von Monokulturen, das Erkennen und Abbauen von Machtverhältnissen, um Arbeitsverhältnisse, in denen Entfaltung möglich ist.

Es geht um Chancengleichheit und gleiche Rechte für alle.

Wie kann vielfältiger zusammengearbeitet werden? Wie können sich Arbeitsstrukturen gestalten? Wie kann Mobbing und Diskriminierung entgegenwirkt werden? Was denkt ihr?

Anne


Am 26. Mai 2020 ist der achte deutsche Diversity-Day. Die Arbeitgeberinitiative „Charta der Vielfalt“ koordiniert den Aktionstag und setzt sich für die Anerkennung, Wertschätzung und Einbeziehung von Vielfalt in der Arbeitswelt ein. Für Arbeitsumfelder frei von Vorurteilen. Die Verbindung von Gesellschaft und Arbeitswelt. Mehr dazu HIER.

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