Kinder, Lesezeit, Rezension, unbezahlte Werbung

ein gar nicht peinliches Leseerlebnis

21. Juli 2020

Da saß sie. Meine Achtjährige. Mit ihren Kopfhörern. Damit sie nicht gestört wurde. Immerhin spielten vor ihr zwei Fünfjährige und alberten herum. Stellt euch an dieser Stelle genervt verdrehte Augen und tiefes aufseufzen vor, wenn sich ihr Blick kurz hob. Passend zum Buch, was ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

Sie las. Auf dem Spielplatz. Unheimlich peinlich. Nein. Nicht mein lesendes Kind. Sondern das Tagebuch der Ruby Black. Ich hätte erwartet, dass ich vorlesen werden. Immerhin wird eine Altersempfehlung von 10 Jahren angegeben. Doch sie las selbst.

Ich bekam ab und zu etwas berichtet und staunte über ihr Textverständnis. Die Protagonistin heißt eigentlich Rubinia Rosalinde Black. Ist 11 Jahre. Ein Sandwichkind mit einem älteren und einem jüngeren Bruder. Mit ihrer Familie lebt sie auf dem Friedhof. Und im Gegensatz zu mir, wie mir mein Kind versicherte, sind ihre Eltern oberpeinlich. Der Vater ist Sargbauer. Die Mutter lustig und im Friedhofscafé anzutreffen. Ruby wechselt die Schule, weil sie an ihrer Bisherigen arg gemobbt wurde.

Was „Mobben“ bedeutet, fragte mich mein Tochterkind. Wir sprachen darüber. Bedächtig nickte mein Kind dann. Es wunderte sie nicht, dass Ruby ihre Familienverhältnisse für sich behalten wollte, weil sie ja nicht wüsste, wie die neuen Kinder reagieren.

Der erste Schultag wurde dann trotzdem peinlich für Ruby. Kichernd zeigte meine Tochter auf das Blut-Spinnen-Kleid (ein kaschierter Erdbeersoßenfleck), sprach von „echt nicen“ Zwillingen, die Videos drehen, und einem Ball am Kopf. Ruby mag also Ben, erfuhr ich. Er gehört zum Ball. Außerdem wird die neue Sitznachbarin Selma zur Freundin.

Da mein Tochterkind das Buch nicht an einem Tag las, musste ich immer ein bisschen auf die Fortsetzung warten.

Durch die Zwillingsmädchen verstrickt sich Ruby in Notlügen, nimmt ausversehen die Ratte ihres Bruders mit in die Schule, isst einen Zettel, damit ihn die Lehrerin nicht in die Hände bekommt, kriegt aber trotzdem Ärger. Ich erfuhr mehr über die Peinlichkeiten der Eltern, von einer Erpressung (wie gemein), von Jammer (bis ich verstand, dass das der Schulpsychologe ist, hat etwas gedauert), einem Date und Sport zwischen Grabsteinen (Friedhofsyoga der Oma)… Ich im Gegenzug beantwortete Fragen über den Friedhof. Wohnen möchte keins meiner Kinder dort.

Das Ende konnte ich dann doch vorlesen und mich an dem Bildwitz, der sich auf jeder Seite in den comicartigen ergänzenden und auflockernden Illustrationen zeigt, erfreuen. Der Tagebuchcharakter wird davon unterstrichen. Die Details sind super. Mein Tochterkind amüsierte sich an so mancher Stelle. Sie machte mich zum Beispiel auf zwei Bildchen aufmerksam, auf denen Ruby Hundekekse isst. Ausversehen.

Ob es wohl unabwendbar ist, dass Kinder ihre Familie, genauer ihre Mütter, früher oder später für dieses oder jenes peinlich finden?

Die Familie und Wohnverhältnisse prägen unsere Identität. Unsere Wurzeln. Wenn Kinder ihre „Flügel“ ausbreiten, selbstständiger werden und durch Abgrenzung ihre Persönlichkeit entwickeln, ist es wohl unvermeidlich, dass sie ihre Lebensumstände in Frage stellen und Peinlichkeiten empfinden.

Ich werde mein Peinlichkeitslevel schon mal testen… Entsprechende Fragen befinden sich zum Glück ganz am Ende des Buches. Ein Rezept für Totenkopftörtchen übrigens auch. Meine Backkünste sind allerdings #unheimlichpeinlich unterirdisch. Stellt euch jetzt doch bitte nochmals ein tiefes Seufzen vor. Ich bin also keine begeistert backende Mama. Was solls? Oder, ob das beim Kuchenbasar in der Schule irgendwann zu den Peinlichkeiten zählt? Was solls! Muss der Papa eben backen.

Ruby beweist uns schließlich, dass es besser ist zu sich zu stehen. Auch, wenn es schwer ist. Die Orientierung an der geltenden Norm des Umfeldes (Input dazu im Kinderbuch), das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, steckt wohl in jedem von uns. Seinen eigenen inneren Kompass auszurichten ist ein Prozess. Bei dem es mitunter peinlich werden kann und Irrwege beschritten werden bis er justiert ist.

Skurrile, schräge und coole Lektüre dabei (zum Beispiel auf dem Spielplatz) macht das Ganze doch gleich viel erträglicher und lustiger.

Mega gut geschrieben von“ Cally Stronk und „voll toll illustriert von“ Constanze von Kitzing steht oben auf dem Cover. Dem stimmen wir zu. Punkt. 224 Seiten. Ein Taschenbuch von dtv Junior. Ein Leseerlebnis. Für nicht mehr Leseanfänger. Für alle, die beginnen sie selbst zu sein. Und dabei mit Peinlichkeiten händeln. 🙂

Mit welchen elterlichen Peinlichkeiten könnt ihr aufwarten?

Anne

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1 Comment

  • Reply Monatslieblinge im Juli 2020 - Rückblick - x-mal anders sein 31. Juli 2020 at 6:39

    […] Als Inspirationsquelle eroberte „Lump&Pablo“ mein Herz und mir wurde gewahr, dass meine Tochter ein neues „Leselevel“ erreicht hat. Ich staunte über ihre Erzählungen zu „Unheimlich peinlich„. […]

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