Lesezeit, Rezension, unbezahlte Werbung

Lesezeit #35 – meine mutige Piratenmama

17. August 2020

Wenn Erwachsene mit Kindern über Themen wie Krankheit und Tod sprechen, erklären wollen, was sie selbst ängstigt und verunsichert, was sie selbst kaum begreifen können, wenn sie hilflos feststellen, dass sie selbst nur hoffen können, fehlen oft die passenden Worte.

Ein Kinderbuch als Gesprächseinstieg, zum Festhalten und Mut machen ist dabei sehr hilfreich. Durch die Geschichte können wir distanzierter und darum vielleicht auch ehrlicher über diese sensiblen Themen sprechen. Sie gehören zum Leben dazu und sollten nicht tabuisiert werden. Kinder wollen verstehen. Das folgende Kinderbuch zum Beispiel versucht eine Krebsbehandlung kindgerecht zu veranschaulichen.

Meine mutige Piratenmama

Karine Surugue * Rémi Maillard * Carlsen * 2020 * Bilderbuch * ab 4 Jahren

Mit ihrem Piratenschiff Wagemut durchkreuzt eine mutige Piratin, eine Mama, mit ihrer Mannschaft (medizinischem Personal) die Weltmeere. Das Ziel ist eine Schatzinsel. Der Sieg. Doch gefährliche Ungeheuer (die Chemomedikamente und der Krebs selbst) greifen an und Stürme (die Nebenwirkungen) ziehen auf.

Wöchentlich wird in See gestochen. Narben, Seekrankheit, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung gehören dazu. Genau wie die passende Kopfbedeckung mit Tüchern.

Und irgendwann erklärt die mutige Piratenmama ihrem kleinen Matrosen, dass sie Erfolg hatten und die Reise, die mit der Nachricht „Mama hat Krebs“ begann, endet. Jetzt erholt sie sich.

Ein Junge erzählt

Er gibt wieder, was ihm erklärt wurde, was er dabei denkt. Gezeigt wird auch, wie er sich spielerisch damit auseinandersetzt. Anderen Kinder kann dies helfen.

Die Illustration von Rémi Saillard unterstreicht und verdeutlicht die Geschichte. Auf der einen Seite sind die Szenen mit der Familie. Kleinformatiger. In hellen Farben. Die vielfältigen Emotionen sind den Personen ins Gesicht gezeichnet. Auf der anderen Seite sind die Piratenszenen. Düsterer. Eindrücklicher. Großformatiger. Mit passenden Details.

Hoffnung mit Happy End

Wir neigen dazu Kindern zu sagen, dass alles gut wird. Wieder besseren Wissens. Es liegt schließlich nicht in unserer Macht. Wir wollen uns selbst Mut machen und erzählen darum Geschichten mit Happy End. Die es natürlich und zum Glück gibt. Doch ist DAS wirklich immer eine gute Idee? Können wir Kindern nicht mehr zutrauen?

Ich weiß, wie ausmergelnd, qualvoll und verstörend eine Krebsbehandlung sein kann. Wie ein Mensch zum Schatten seiner selbst werden kann.

Die Buchidee basiert allerdings auf einer realen Lebensgeschichte mit Happy End und soll anderen Familien eine Annäherung an das Thema „Krebs“ erleichtern. Dem 4-Jährigen der „echten“ Piratenmama hatte die Piratengeschichte geholfen. Warum sollte sie nicht auch anderen Kindern Zuversicht vermitteln? So selten ist die Diagnose Brustkrebs nunmal leider nicht.

Wenn ich die Geschichte vorlese dann allerdings mit offenem Ende. Manchmal gewinnen eben die Ungeheuer. Manchmal muss der Kurs geändert werden. Das Kreuz umgesetzt. Dann können wir nur darauf vertrauen, dass es hinter dem Horizont weitergeht. Ob das nun „Heilung“ oder Abschied bedeutet…

Ich hätte es gut gefunden, wenn am Ende die Wagemut auf einen strahlenden Horizont zusegelt. Hoffnungsvoll, aber eben nicht mit der unterschwelligen Garantie auf Heilung.

„Meine mutige Piratenmama“ hat Tiefgang. Die belastende und herausfordernde Zeit der Krebsbehandlung wird für Kinder ab 4 Jahren verpackt, dargestellt und verständlicher.

Die Hoffnung soll nicht untergehen. Wünschen wir uns das nicht alle?

Anne

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