Familienleben, Gedanken, Kleinwuchs

eine Kindergeschichte zum Welt-Kleinwuchs-Tag

25. Oktober 2020

Meine Tochter liegt mit ihrer Größe seit Jahren unterhalb der Norm. Unter der dritten Perzentile. Ihr jüngerer Bruder hingegen ist das genau Gegenteil. Er überragt die meisten Kinder seines Alters. Und auch seine Schwester.

Größe und damit verbundenes Über-, Unter- bzw. allgemeines schweres Einschätzen des Alters und der Fähigkeiten sind ein Thema bei uns. Nicht permanent. Nicht nur am Welt-Kleinwuchs-Tag. Aber immer wieder.

Zum Beispiel habe ich eine Diskussion im Sommer im Regionalzug mit dem Schaffner damit beendet, dass ich ihm die Krankenkarten der Kinder zeigte. Da steht das Geburtstagsdatum nämlich drauf. Ich hatte für das Tochterkind mit ihren 8 Jahren eine Kinderfahrkarte gekauft. Der Sohnemann mit seinen fünf Jahren brauchte noch keine. Das allerdings wollte der Fahrkartenkontrolleur nicht glauben. Weil er größer ist als sie.

Diese Begegnungen im Alltag, wenn sie gehäuft auftreten, machen etwas.

Wir sprechen darüber

„Du bist klein“ oder „Du bist groß“ ist erstmal eine Feststellung. Etwas, was gesehen wird. Dass wir die Schlüsse, die daraus gezogen werden, nicht hinnehmen müssen, besprechen wir auch. Das hilft.

Meine Tochter hatte zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit einem anderen Kind, was Sand geworfen hat. Sie sagte, dass das blöd sei. Im Verlauf meinte das Kind, dass sie klein sei, ein Baby und nichts zu sagen hätte. Woraufhin sie meinte: „Stimmt, ich bin klein. Das hast du gut erkannt.“ Es ging weiter damit, dass ein Baby nicht so sprechen könne, mit dem Sand zu schmeißen, sei trotzdem blöd und sie könne sehr wohl etwas dazu sagen… Das Kind ging dann woanders hin. Reden kann mein Tochter definitiv. Mein Sohn tut sich da schwerer.

Geschichten helfen.

Meine Tochter liebt fantasievolle und märchenhafte Geschichten, die ihr Sachverhalte näher bringen. Mein Sohnemann bevorzugt zwar klare Informationen, aber auch eher braucht Bestärkungen.

Darum verpacke ich die Botschaft, dass kleine Wesen Großartiges bewirken können und große Wesen sanfmütig und bedacht sein können, gerne in eine Geschichte. Eine Art Mit-Mach-Erzählung. Die Kinder können ihre Ideen und Wünsche beisteuern. Kürzlich ist Folgendes entstanden:

Das Baumproblem – vier mutige Feen und ein Drache

Auf einer Lichtung, umgeben von Blumen, steht der Feentanzbaum. Ein magischer Treffpunkt. Er schillert in den schönsten Farben. Die Feen tanzen dort und tanken ihre Kräfte auf.

Eines Tages herrschte große Aufregung. Der magische Baum hatte seine Farben verloren. Er war weiß geworden und Schwärze breitete sich aus.

Mit Hilfe einer Karte schickte die Feenkönigin vier mutige Feen ins Farbenland. Waldblume, Rosenblüte, Blumenblau und Sonnenblüte machten sich auf den Weg. Sie mussten vorsichtig sein. Großen Dingen mussten sie ausweichen. Doch sie erreichten das Tor zum Farbenland.

Bewacht wurde das Tor von einem Drachen. Er wollte sie nicht einfach so hineinlassen. Eingeschüchtert von seiner Erscheinung zogen sich die vier Feen zurück. Sie beratschlagten sich.

Mutig traten sie auf den Drachen zu. Sie erklärten ihm ihr Baumproblem. Es sei doch schrecklich, wenn der Feentanzbaum farblos und somit ohne Magie bliebe, sagten sie. Die Feen bräuchten doch ihre Kräfte um dem Wald und der Fantasie zu helfen. Der Drache dachte nach und entschied das Tor zu öffnen.

Das Farbenland war wunderschön bunt. Die Feen sahen sich staunend um und begannen dann zu tanzen. Mit einem Zauberspruch zogen sie die Farben wie Magnete an. Dabei mussten sie nicht nur auf die großen Füße der Menschen achten. Doch sie schafften es genügend Farbfäden anzuziehen.

Mit ihrer Beute bedankten sich die Vier bei dem Drachen und luden ihn zu sich ein. Auf dem Rückweg zogen sie die Farben wie einen bunten Schleier hinter sich her.

Waldblume, Rosenblüte, Blumenblau und Sonnenblüte erreichten erschöpft den Feentanzbaum, umflogen ihn und sprachen die magischen Worte. Der Baum erstahlte, leuchtete in neuem Glanz als die Farbfäden auf ihn übergingen. Die Magie war wieder spührbar.

Es wurde ein ausgelassenes Fest gefeiert. Die verschiedensten Gäste kamen, die Königin bedankte sich und glückliches Lachen umgab den Baum.

Vier kleine und mutige Feen hatten das Baumproblem gelöst und freuten sich auf den Besuch des sanfmütigen, bedachten und großen Drachen.

Verständnis braucht Erklärungen

Mut hängt nicht von der Größe ab. Kleine Feen können einen Weg finden. Wie meine Tochter. Große Drachen können sanfmütig sein. Wie mein Sohn. Und gemeinsam geht es leichter. Verständnis und auch eine Erklärung eröffnet die Möglichkeit ein Problem zu lösen…

Uns jedenfalls gefällt die Geschichte und ich hoffe, dass die Kinder (und ich) die Gedanken dahinter verinnerlichen. Am Besten viele andere Menschen auch.

Heute ist Welt-Kleinwuchs-Tag und darum zum Verständnis:

Etwa 100.000 kleinwüchsige Menschen leben in Deutschland laut dem Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V. (BKMF). Menschen, deren Körperlänge unter 140 cm liegt. Eine Grenze, welche das Schwerbehindertenrecht setzt.

Ca. 650 Kleinwuchsformen aus verschiedensten Gründen lassen sich wohl derzeit unterscheiden. Gemeinsam haben sie, dass bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen die Größenmaße unterhalb der Normgrenze bzw. unter der dritten Perzentile liegt. Das heißt, dass nahezu alle Menschen, die im selben Alter sind, größer sind. Die Durchschnittswerte variieren je nach Bevölkerungsgruppe. Ein Punkt, den es zu beachten gilt. Genauso wie die eigene Wachstumskurve und die Proportionen der Körperteile.

Es braucht Einfallsreichtum, um in einer Welt, die auf den Durchschnitt genormt ist, seine Ziele zu erreichen. Vorallem aber braucht es Mutige und Bedachte.

Welche Erfahrungen oder Gedanken hast du dazu?

Anne


Die Geschichte über eine einzigartige Blume aus dem letzten Jahr: HIER.

2018 ging es um Barrieren: HIER.

2017 ging es um den Größenwahn: HIER.

Leseempfehlung zum Kleinwuchs für Kinder: HIER.

Gedanken einer Mama über die Gabe von Hormonen gibt es HIER.

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