Lesezeit, Rezension, unbezahlte Werbung

Lesezeit #37 – Der selbstsüchtige Riese

2. November 2020

Für die gemeinsame Lesezeit mit den Kindern darf es gerne x-mal andere Lektüre sein. Ein Comic. Ein Bilderbuch oder Kinderbuch mit Themenschwerpunkt. Ein Märchen. Unterhaltsame, rätselhafte, magische oder mystische Geschichten – wir sind da offen. Nur Bücher, die teilnamslos zugeklappt werden und so gar keinen Nachhall (Freude, Spannung oder Gedanken, die es mit sich bringt) haben, mag ich nicht.

Das folgende Kunstmärchen hat mich berührt und viele Erwachsene sollten es sich zu Herzen nehmen. Also mehr dazu:

Der selbstsüchtige Riese

Kunstmärchen von Oscar Wilde (1888) * künstlerische Umsetzung Mecki und Wilfried Claus * SchauHoer Verlag * 2020 * ab 5 Jahren

Kinder spielten glücklich jeden Nachmittag in dem wunderschönen Garten des Riesen. Durch sein unerwartetes Auftauchen verscheuchte er sie. Ihm waren die spielenden Kinder nicht Recht. Er mauerte seinen Besitz ein und verbat sich den Zutritt. Die Kinder mussten nun wehmütig auf der Straße spielen. Während der Winter an dem reizenden Ort hinter der Mauer einzog und blieb. Im Frühling, wie im Sommer und auch im Herbst. In dem Garten des Riesen spielten Hagel, Frost und Schnee.

Eines Morgens vernahm der Riese den Gesang eines Vogels. Lange hatte er keinen gehört. Er sah hinaus. Entdeckte, dass die Kinder durch ein Loch in der Mauer in seinen Garten kamen und auf die Bäume geklettert waren. Der Winter zog sich zurück. Nur in einem entfernten Winkel, wo ein kleiner Junge stand, war er noch. Der Kummer des Jungen rührte den Riesen.

Der Riese half dem Jungen in den Baum. Während die anderen Kinder aufgeschreckt davon liefen. Doch sie sahen das Wunder, die Freude, den erblühten Baum und kamen zurück.

Der Riese riss die Mauer ein und gemeinsam mit den Kindern, die den Frühling mitbrachten, spielte er in dem herrlichen Garten. Nur der kleine Junge, dem er geholfen hatte, war weg.

Jeden Nachmittag kamen Kinder, spielten heiter und die Jahre vergingen. Der Riese wurde älter und matter, erfreute sich aber an seinem wunderschönen Garten und seinen Besuchern.

Eines Wintermorgens, während sich die Natur ausruhte, entdeckte er den kleinen Knaben unter einem Baum mit zauberhaften weißen Blüten. Erfreut hastete der Riese zu ihm und folgte ihm dann ehrfürchtig in das Paradies. Seinen toten Körper entdeckten die Kinder am Nachmittag mit weißen Blüten bedeckt.

Eine außergewöhnlich dargestellte Geschichte

Nicht jedes Märchen beginnt mit „Es war einmal…“ und nicht jedes Märchen endet mit Glück des heldenhaften Prinzen und der schönen Prinzessin bis ans Lebensende. Das ist gut so.

Das Besondere an diesem Fotobilderbuch ist in erster Linie die Gestaltung. Aufwendig. Ausgefallen. Auf dem Buchumschlag Scherenschnitt-Schatten. Im Inneren fotografierte Szenenbilder. Mit Puppentheaterfiguren. Schaubilder, die aus Pappmache, Wolle und zurückhaltenden passenden Farben gestaltet und zusammengestellt wurden. Festgehaltene Teile einer Geschichte, deren Betrachtung faszinierend ist. Viele Details laden zum genauen Hinsehen ein. Atmosphärisch wird die Geschichte miterzählt und gleichzeitig dargestellt.

Eine Chance. Eine Anregung

Dieses Märchen verkörpert das menschliche Gesellschaftssystem. Es gibt so einige Erwachsene, die gerne um Spielplätze Schallschutzwände errichten oder Kinder gänzlich aus dem öffentlichen bzw. gesellschaftlichen Leben ausschließen würden wollen.

Vielleicht können sie wie der einsame Riese ihr Fehlverhalten erkennen, sich besinnen und den Kindern Räume und Möglichkeiten öffnen.

Menschen können sich verändern, ihr Tun überdenken, und sich dem Schönen und den spielenden Kindern zuwenden. Die Chance für alle darin erkennen und sich fragen, wie mit Eigennutz, Besitz und Menschen umgegangen wird?

Die Geschichte ist am Ende nicht ganz unproblematisch. Mich persönlich schreckt nicht der Tod sonder die religiöse Thematik. Doch jede*r kann entscheiden, ob und wie das Stigma des kleinen Knaben, der Glaube, angesprochen werden kann. Ich formuliere um. So fragt der Riese zwar wo der kleine Knabe war, überlegt stumm, ob er krank geworden sei, und schlussendlich freut er sich über das letzte Wiedersehen. Kurz vor seinem Tod.

Tiefgründigkeit entdecken

In den Worten und auf den Bildern können wir eine ermutigende und schöne Tiefgründigkeit entdecken. Während Kinder die Stimmung und Botschaft der Geschichte besonders mit den Bildern aufnehmen können, hätten Erwachsene die Chance über den Inhalt von Oscar Wildes Kunstmärchen nachzudenken.

Das großformatige Fotobilderbuch gibt es mit deutscher Sprache, aber auch als deutsch-spanische Version. Außerdem sind multilinguale Kamishibai-Ausgaben erhältlich.

Grade durch die Ausgrenzung der Kinder und die Isolation des Riesen bietet sich aktuell auch die Möglichkeit mit Kindern über die Corona-Maßnahmen zu sprechen. Vielleicht regen die Bilder zu kreativ-gestalterischen Betätigungen an. Es kann gut tun sich eine andere Welt auszudenken und Veränderung zuerdenken, wenn es draußen ungemütlich ist.

Das alte Kunstmärchen „Der selbstsüchtige Riese“ von Oscar Wilde neu und kunstvoll in Szene gesetzt von der Puppenmacherin Mecki Claus, aufgenommen von Wilfried Claus und als Fotobilderbuch gebunden, erschien im Sommer 2020 im SchauHoer Verlag.

Was denkst du über die Geschichte und die gestaltete Neuinterpretation?

Anne

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