Erzieherin & Kindergarten, Gedanken

vom Kindergarten in die Schule

10. Juli 2018

Am vergangenen Freitag war es soweit. Meine Sechsjährige trug voller Stolz ihre rote, mit Schmetterlingen dekorierte und mit blauem Krepp zugeschnürte, Zuckertüte der Sonne entgegen nach Hause.

„Ich komme in die Schule.“ trällerte sie und ihre wuscheligen Locken wirbelten um ihren Kopf.

Wir hatten ein schönes Zuckertüten-Abschiedsfest und sehen dem neuen Abschnitt aufgeregt entgegen.

Hängende Zuckertüten, bunt

Tschüss Kindergarten.

Hallo Schule!

„Lesen. Und Schreiben. Und Rechnen. Das lern ich so. Da bin ich froh.“, rhythmisierte Krümelie und hüpfte munter weiter ihres Weges.

Und in diesem Moment, vielleicht lag es an den Gewächsen am Wegesrand, kam mir ein Zitat in den Sinn.

„Nur wenn Gefühl und Fantasie erwachen, blüht die Intelligenz“

(Loris Malaguzzi)

Ich wünsche meinem Tochterkind, dass sie in der Schule mehr lernt als Lesen, Schreiben und Rechnen.

Malaguzzi war und ist einer DER Pädagogen, die im italienischen Reggio Emilia und später weltweit das Denken vom kompetenten und ausdrucksstarken Kind gelebt und verbreitet haben.

Es wäre doch großartig, wenn die Philosophie aus dem Kindergarten in der Schule weitergelebt werden würde. Wenn dort von kompetenten Kindern ausgegangen würde. Ja, sie haben noch zu lernen und Entwicklung liegt in der Natur des Menschen, aber Schüler_innen sind keine Mangelexemplare. Oder?

Beim Elternabend hatten wir einen Brief für Krümelie bekommen, geschrieben von den Pädagoginnen ihrer Klasse, welchen ich bei uns unauffällig einsteckte. Ich hatte gewartet. Auf den offiziellen Abschied. Und ließ dem Tochterkind so ein erstes Hallo aus der Schule zukommen.

Wo kommen eigentlich die Buchstaben her?

Beim Vorlesen des Briefes unterbrach mich das Tochterkind und fragte: „Woher kommen eigentlich die Buchstaben?“. Standardisiert fragte ich: „Was denkst du?“. Und meine Tochter rollte (auch schon fast standartmäßig) mit den Augen und antwortete: „Ach Mama, wenn du es nicht weißt, frag ich in der Schule.“.

Leichthin gesagte Worte und ich hoffe, dass sie ihre Frage in der Schule stellt. Wünsche mir, dass sie eine Antwort findet. (Würde ich auch gerne wissen.)

Gemeinhin richten sich die (vorgegebenen) Lerninhalte an eine ganze Klasse. Diese setzt sich zusammen aufgrund des Alters. Nicht aber aufgrund von Interessen oder anderer Kriterien.

Ich setze nun also auf die Kompetenz der Lehrer_innen, die eine Umgebung schaffen, in der Lernimpulse von den Schüler_innen aufgegriffen werden. Stelle mir „Lerngruppen“ vor, die sich nach individueller Einschätzung zusammensetzen. Was sowieso viel logischer und eigentlich unabdingbar wäre, ließe sich doch Inklusion viel problemloser leben.

Schüler_innen als Einheitsmasse zu sehen, wobei alle das Gleiche, auf die selbe Art und zeitgleich lernen müssen, macht einfach keinen Sinn für mich.

Gleichwohl soll doch die Intelligenz erblühen. Und so hoffe ich auf eine Kultur des Fragenstellens und sehe vor meinem geistigen Auge meine Tochter mit anderen Kinder grübeln, wie sie der Antwort auf die Spur kommen.

Tête – à – Tête mit der Welt

Durch die aktuelle Schieflage im Bildungsbereich in der Hauptstadt habe ich ab und zu ein bisschen Bauchkneifen. Als Pädagogin im Kindergarten. Als Demonstrantin gegen Qualitätsabbau.Als Zustimmerin für Platzausbau. Als Befürworterin von Bildung und Chancen.

Ich sehe das Bild der gemeinsam grübelnden Kinder verblassen. An seine Stelle rücken Erinnerungen von Stühlen, die nicht zum Kippeln gedacht waren und so sehr dazu einluden. Immer zwei Schüler. Reihen. Viel grau. Ein wenig rot. Ich denke nicht gern an meine Schulzeit.

Es braucht Menschen mit Gefühl in Schulen. Es braucht Beziehungen. Und idealerweise kleine Klassenstärken. Mag sein, dass da die Pädagogin in mir spricht. Trotzdem: Is so.

Schon aus ganz pragmatischem Grund. Es wäre ruhiger und Gespräche miteinander verständlicher. Und die Bezugnahme – Beziehungsaufbau – ist mit weniger beteiligten Menschen intensiver. Auch das ist irgendwie logisch.

Kinder lernen durch einen vertraulichen Austausch mit der Umwelt. Mit Anderen. Im Flow. Mit Fragen. Durch die Suche nach Antworten. Eingetrichtertes versickert. Ich wünsche mir, dass in der Schule Zeit ist für eigene Erfahrungen, für die Möglichkeit Liebe für ein Thema zuentwickeln, und Handlungsweisen sich an den Kindern nicht an genormten Maßstäben orientieren.

Schule ist noch ein abstraktes Universum für uns, was vorallem meine Kinder, aber klar ich selbst auch, erst noch kennenlernen.

rote Schultüte mit blauem Krepp

Bauchkribbeln

Für den Schulstart soll es bis zu den Herbstferien eine Art Eingewöhnungszeit geben, wurde beim Elternabend gesagt. Ich muss auf die Pädagog_innen vertrauen, sodass niemand mein Kind nach ihrer Statur einer Vierjährigen bewertet, sondern einzig nach ihrem Wesen, was der Sonne entgegen strahlt. Das bedeutet Bauchkribbeln für mich.

Ich hoffe, dass die Schule ein Ort für meine Tochter wird, wo sie gerne hingeht. Ich hoffe außerdem, dass mein Sohn auch noch einen Platz bekommt, wo es doch an Schulplätzen in Berlin mangelt.

Ich freue mich darauf, darüber, dass sich neue Welten auftun. Krümelie Flügel wachsen. Ihre Intelligenz wird erblühen. Sie wird Erfahrungen sammeln. Nicht immer gute. Doch ich werde da sein, werde sie begleiten, werde wie eine Löwenmama darauf achten, dass sie Zeiten hat, wo sie ausgleichen kann. Wo sie ohne Struktur-, Ziel- und Zeitvorgaben einfach irgendwas oder nix machen kann.

Wir sind alle aufgeregt.

Ich habe vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten meiner Tochter. Mir graut es momentan vor dem dann veränderten Tagesablauf und der frühen Anfangszeit in der Schule. Würde 9 Uhr nicht reichen?

Ich nutze die Gelegenheit auch gleich und jammere kurz darüber, dass so ein Schulstart auch ganz schön kostenintensiv ist. Bücher, Hefte, Stifte, Taschen, Zeugs… läppert sich. Ein Monatsticket braucht das Tochterkind. Und ein Handy?

Vielleicht trällere ich deswegen ein bisschen leiser: „Krümelie ist bald ein Schuldkind.“.

Auf jeden Fall werde ich das Bild meiner Sechsjährigen, die voller Stolz ihre rote, mit Schmetterlingen dekorierte und mit blauem Krepp zugeschnürte, Zuckertüte der Sonne entgegen vom Kindergartenabschiedsfest nach Hause trug, nicht vergessen. Und sie hoffentlich nicht ihre Freude auf das Lernen.

Auf zu Neuem. Das Wissen wartet.

Habt ihr Ratschläge für den Schulstart?

Anne

Mit diesem Text bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018.

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2 Comments

  • Reply Sarah Kroschel 11. Juli 2018 at 12:42

    Tatsächlich merke ich, wenn morgens zu viel Luft ist, dass dann auch die Energie für die Schule raus ist. Ähnlich beim Fußball. Es ist zwar ätzend früh aufzustehen, aber da ist die Energie und Motivation meist noch am höchsten…

  • Reply Freitagslieblinge am 13. Juli - x-mal anders seinx-mal anders sein 13. Juli 2018 at 21:24

    […] Gelesen habe ich über Lehrer_innen, über Schulpolitik und schrieb über den nahenden Schulstart des Tochterkindes. […]

  • Leave a Reply

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